Sollten wir besser einfach schweigen? – Teil 3

Warum ist Datenschutz so wichtig? Warum stört es mich so sehr, wenn mich jemand ausspioniert? Nun, ich denke auch wenn 90 % aller Leute behaupten, dass sie nichts zu verbergen haben („The innocent have nothing to fear“, um noch einmal den alten Witz von Terry Pratchett aufzugreifen), hat im Endeffekt doch jeder Dinge, von denen er oder sie nicht möchte, dass diese an die große Glocke gehangen werden. Denn auch wenn so einige das oberste Gebot des Internetzeitalters anscheinend nicht begriffen haben, das da lautet „Vor dem Bewerbungsgespräch sollst du keine peinlichen ich-war-ja-so-betrunken-Fotos bei Facebook hochladen“, gibt es doch andere peinliche Vorfälle, Gedanken, die man mit sich herumschleppt oder Vorlieben, die man hat, die eben nicht bei jedem auf der öffentlich einsehbaren Fb-Pinnwand landen. Natürlich kann man jetzt sagen „ich stehe dazu wie ich bin“, aber mal ehrlich … wie oft habt ihr euch schon gedacht „okay, das war jetzt echt nicht so intelligent“ oder kurz „oh, f*ck …“, wenn ihr erst gehandelt und dann nachgedacht habt? Ich bin mir auch ohne NSA-Zugang sicher, dass so was jedem mal passiert. ^^

Staatsverrat wegen Rosinenbrötchen

Jeder ist wahrscheinlich auf die eine oder andere Art mithilfe der richtigen Informationen erpressbar. Und das nicht nur, wenn ihr furchtbare Menschen seid! Allein die Tatsache, dass ihr die mit Liebe gebackenen Rosinenbrötchen eurer Oma eigentlich zum wieder ausspucken findet, ihr euch aber lieber ein Bein abhacken würdet, als ihr das zu sagen, würde euch erpressbar machen. Gerade weil ihr ein weiches Herz habt. Natürlich würde im Endeffekt niemand wegen Rosinenbrötchen Staatsgeheimnisse verraten, aber was passiert denn, wenn eine langjährige Lüge ans Licht kommt? In den meisten Fällen gilt dann „the shit just hit the fan“ und der Lügner steckt in der Klemme, egal aus welchem Grund und bei welchem Thema er ursprünglich log.

Schließlich sollte man noch darüber nachdenken, ob sich Menschen vielleicht auch ändern können. Zwar nicht alle andauernd und bei grundliegenden Werten, aber manchen war schon mal so langweilig, dass sie selbst das gemacht haben, hab ich gehört ;). Und wenn dem so ist, wäre es doch unschön, wenn jeder mit dem ihr konfrontiert werdet gleich zu Anfang eure gesamte Geschichte kennt. Wer will schon den Schwiegereltern beim ersten gemeinsamen Essen erklären, dass er in der Grundschule mal nen Playboy geklaut habt? Beim Vorstellungsgespräch erläutern müssen, warum man an einem Tag, wo man schlecht drauf war, jemandem mit Absicht nicht die Bahntüre aufgehalten hat oder in einem Moment der geistigen Umnachtung behauptet habt, Kanada gehöre zu den USA. Kleinigkeiten, auf jeden Fall, aber in dieser Auflistung könnten ja auch größere Ausrutscher auftauchen oder plötzlich könnte man euch wegen des Playboys anklagen – es war ja immerhin Diebstahl und wer weiß wieviel ihr noch geklaut habt, ihr üblen Ganoven!!

Wenn jeder alles über dich weiß

Worauf ich hinaus möchte ist folgendes: Wie würdet ihr euch verhalten, wenn jeder alles über euch wüsste? Und ich meine wirklich alles. Jede Information oder Andeutung, die ihr jemals irgendwo online oder per Telefon gemacht habt. Würdet ihr offen auf andere Leute zugehen? Oder würdet ihr vielmehr ängstlich und verschlossen mit niemandem mehr ein Wort wechseln? Ich glaube es wäre letzteres. Alles was ich sage, kann gegen mich verwendet werden, *white girl mode on* I mean, like, literally *wgm off*. Also wortwörtlich. Hast du die Kontrolle über alles, was jemand einmal gesagt hat, kannst du einzelne Aussagen wunderbar aus dem Kontext reißen, fiesen Kommentaren einen Partyhut aufsetzen und sagen „guck mal, was ein lustiger Typ, höhö“ oder unschuldige Halbsätze in ein Sadomaso-Outfit stopfen und sagen „diese Perversion müssen wir stoppen!“. (Ich habs heute etwas mit den Anspielungen, sorry an alle leicht zu verschreckenden Leser.) Warum ich so ein Sex-Beispiel wähle? Ganz einfach, weil Sex eine der Sachen ist, bei denen sich (fast) jeder einig ist, dass sie im eigenen Schlafzimmer stattfinden sollte und nicht auf der Straße.

Jeder braucht Privatsphäre

Gerade wenn es um Vorlieben und Abneigungen geht, ist ein großes Vertrauen notwendig, um mit jemandem darüber zu sprechen. Und wenn jemand dabei von der Norm (die es ja nicht gibt, aber die wir uns alle einbilden und zu der wir natürlich alle gehören ^^), wenn jedenfalls jemand vom Blümchensexbedürfnis abweicht, dann kann das ganz schnell zu Diskriminierungen führen. Und gerade bei so einem privaten Thema führt das dann vielleicht dazu, dass niemand mehr ehrlich zueinander ist und man vielleicht niemals darüber sprechen kann, dass man den Sex eigentlich viel toller fände, wenn sich der Partner als Pokemon verkleidet und „Pika pikaaa!“ dabei ruft.

Okay, das klingt jetzt absurd, aber nur ernst an dieses Thema heranzugehen wäre zu deprimierend und ihr versteht sicher anhand dieses Extrembeispiels worum es mir geht.
Was wäre zum Beispiel, wenn ich keinen Blödsinn verzapfen könnte? Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht auch einmal wirklich absurde Ideen oder gedanklich am Rande des Illegalen wandelnde Wutausbrüche hätte haben können? Ich wäre entweder vor Jahrzehnten an einer Überdosis Ödelangeweilewillnichmehr gestorben oder hätte die Chance meines ersten unbewachten Wutausbruchs für einen Amoklauf genutzt oder so. An dieser Stelle noch einmal ein „Hallo!“ an alle Überwacher … :D Auf jeden Fall wäre das Leben viel weniger lustig! :)

Ein Hoch auf die Selbstzensur … nicht

Zum Thema der Auswirkung von Überwachung auf das Verhalten der Überwachten gibt es bereits Studien (ich suche mal welche, wenn mich wer dran erinnert). Darin wurde gezeigt, dass Menschen anfangen sich selbst zu zensieren, wenn sie wissen, dass jedes ihrer Worte mitgehört wird bzw. werden könnte. In Diktaturen ist das auf jeden Fall so. Wer um sich herum ständig Spitzel wittert, wird kaum seine ehrliche Meinung über den Staat äußern, wenn diese von der offiziell zu äußernden Meinung abweicht. Das gleiche gilt auch im Kleinen, denn wenn alles was man sagt direkt kontrolliert werden würde, wer wollte dann noch ausführlich seine Meinung sagen? Okay, zugegeben in manchen Fällen würde das allen Beteiligten eine Menge Zeit und Nerven ersparen (Selbsterkenntnis is der erste Schritt zur Besserung, gell?:D), aber ich glaube kaum, dass von einer Selbstzensur ausgerechnet die Redenschreiber betroffen wären, die sich mit den für mich uninteressantesten Themen beschäftigen. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Langeweile ist schließlich das kostbare Gut, das neben absolut hirnloser Zerstreuung am seltensten zensiert werden muss. Brot, Spiele und Langeweile oder so. ;)

Nope.

Tja. Wie beantworten wir also die Frage „Sollten wir besser einfach schweigen?“, naaa? Mit einem fetten NEIN, natürlich. Keine Überraschung, ich weiß. Auch wenn ich manchmal meine Ruhe möchte, ewiges Schweigen ist unerträglich. Ich will alle Meinungen hören, auch die unangenehmen und ich will mir sicher sein, dass jeder seine Meinung frei äußern darf, ohne deswegen in Schwierigkeiten zu geraten. Punkt. Wenn diese Meinung unangenehm für mich ist, kann ich meinem Gegenüber immer noch darauf hinweisen, dass er oder sie bitteschön die Klappe halten kann, dankeschön. Ich will damit jetzt nicht unterstützen, dass jemand sagt „Yaaay, Straftat XYZ ist toll! Lass mal machen!“. Sondern ich will sichergehen, dass man sagen kann „Du Vollspaten, das ist 1. illegal, 2. ne hirnverbrannte Idee und 3. würden dabei  Menschen verletzt, also lass den Scheiß!!“, ohne dabei drüber nachgrübeln zu müssen „Oh, hmm, wenn ich das jetzt so sage, klingt das dann diskriminierend gegenüber Spaten? Könnte mich dann die Gärtnervereinigung oder der Spatenliebhaberverband verklagen? Und welcher Paragraph is das eigentlich, dass so was illegal ist? Nicht dass mir ein Jurist erklärt, ich hätte das Gesetz falsch zitiert und ich deswegen Ärger bekomme …hmmnee, dann sag ich mal lieber nix.“ Und mir is bewusst, dass Unterlassung auch ne Straftat sein kann. Glaub ich. Wenn ich netzt den Paragraphen wüsste … ;)

Also meint und denkt und redet und sprecht und schreibt und diskutiert und blödelt und philosophiert drauflos!

Viel Spaß dabei! :)
Eure Outofjoint

Zum Schluss noch ein paar Links:

Felix Schwenzel argumentiert sehr schön, wo im Moment unser Problem liegt. Obwohl er Probleme damit hat, „das“ und „dass“ auseinanderzuhalten ;) , hat er auf jeden Fall Recht damit, dass wir nicht so richtig wissen, gegen wen wir jetzt eigentlich kämpfen. In meinem Artikel rege ich mich ja schließlich auch nur darüber auf, dass „irgendjemand irgendwie Daten sammelt“ und sage, erkläre euch, warum ich das nicht okay finde. Aber Lösungen habe ich leider auch noch keine, deswegen weiter informieren! (Die Einleitung geht ungefähr bis zur Hälfte der Seite, dann kommt der Abschnitt „wie ich lernte die überwachung zu lieben“.) Für alle, die lieber Wuschelköpfen auf Konferenzen über Weblogs, soziale Medien und Digitale Gesellschaften zuhören, hier geht’s zum kompletten (40-minütigen) Vortrag auf Youtube.

Und hier dann noch ein Artikel bei T3N, der euch neun Organisationen vorstellt, die für digitalen Bürgerrechte, Informationsfreiheit oder eine sinnvolle Netzpolitik stehen. Vielleicht kommt ihr ja auf Ideen. :)

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