Cover Daisy aus Fukushima; Reiko Momochi; Egmont Manga

Daisy aus Fukushima – Manga-Review und Gedächtnisstütze

Dies wird ein langer Artikel gespickt mit vielen Links als Quellenverweise. Falls ihr einen Beleg oder weitere Infos zu einem Thema sucht, einfach klicken. Zunächst spreche ich relativ kurz über den Manga und dann habe ich für euch alle Informationen über Fukushima zusammengetragen, die ich für relevant hielt, die mir begegnet sind und die ich innerhalb von mehreren Tagen zu einem halbwegs formschönen Artikel zusammenbasteln konnte. Aber nun genug der Vorrede. :)

Eigentlich fühle ich mich zu Manga, deren Cover in zarten Pastelltönen gehalten sind und auf denen Schulmädchen mit unnatürlich großen Augen abgebildet sind, nicht hingezogen. Wenn zu allem Übel der pinkfarbene Schriftzug auch noch verkündet, dass der Manga „Daisy“ heißt, dann wäre ich normalerweise schon längst ein Regal weiter. Aber an manchen Tagen gilt „eigentlich“ einfach nicht. Zum Beispiel dann nicht, wenn der volle Titel „Daisy aus Fukushima** heißt und es im Manga um die Atomkatastrophe in Japan vom 11. März 2011 geht. Bei einem so außergewöhnlichen und ernsten Thema musste ich den Manga einfach mitnehmen.

Genau dieses Thema steht im krassen Kontrast zum Shoujo-mäßigen Cover, was aber meiner Meinung nach durchaus gewollt ist. Denn „Daisy“ ist kein reiner Katastrophenbericht, sondern … anders. Eins noch vorweg: Der Zeichenstil der Mangaka ist nicht so meins, da er vieles beinhaltet, was mich am Shoujo-Klischee stört. Zu große Augen, falsche Proportionen, für Hintergründe fehlten zu 80 % der Zeit das Personal und die Requisiten und irgendwie scheint die Autorin eine Fixierung auf übertrieben geschwollene Unterlippen zu haben. (Eine Leseprobe mit ganzen 10 Seiten finden die Neugierigen unter euch übrigens beim Verlag.) Die erste Zeichenkritik beiseite geschoben, stellt man jedoch fest, dass der Manga erstens keineswegs ultrahässlich gezeichnet ist und man unter Umständen schon schlechteres im Regal stehen hatte (*hust hust* One Piece *hust hust*) und er zweitens auch gar keine beeindruckenden achtdimensionalen Grafiken mit lebensechten Figuren braucht, um zu funktionieren. Denn „Daisy“ erzählt eine Geschichte, die auf Emotionen basiert und zum Nachdenken anregt. Dazu braucht man keine flashy Optik.

Nun denn, fangen wir vorne an. Erinnert ihr euch noch an den 11. März 2011? Ich auch nicht. Oder zumindest war mir nicht mehr bewusst, dass es der 11.03.2011 war, an dem das Atomkraftwerk in Fukushima, gut 250 km nördlich von Tokyo, nach einem Erdbeben und einem Tsunami den Bach heruntergegangen ist. Das ist jetzt schon fünf Jahre her … krass, oder?

Die Story von „Daisy aus Fukushima“

Die Mangaka Reiko Momochi hatte bereits anderthalb Jahre nach dem Unglück das Gefühl, viel zu wenig über die Umstände vor Ort zu wissen und ist deswegen in die Präfektur Fukushima gereist, wo sie sich mit Schülern und anderen Leuten aus Fukushima unterhalten unterhalten hat. (Inspiriert wurde sie dazu durch das Buch „Pierrot“ von Teruhiro Kobayashi, Darai Kusanagi und Tomoji Nobuta, zu dem ich online leider keinerlei Informationen finden konnte.) Im Manga hat sie aus all diesen Gesprächen die Geschichte der Schülerin Fumi und ihrer besten Freundinnen gemacht. Dabei erzählt Momochi keine Katastrophengeschichte mit einstürzenden Häusern und Leichenbergen, wie man das bei großen Unglücksfällen vielleicht erwarten würde. Nein, sie redet über den Teil von Katastrophen, den wir nur schwer in bombastische Hollywoodfilme verpackt bekommen würden: den Alltag der Menschen nach dem Kernkraft-Unglück.

Wir erleben die Ängste der Menschen in einer Region, die offiziell vom Staat als „sicher“ deklariert wurde. Die aus der unmittelbaren Umgebung von Fukushima Dai-ichi geflohenen Menschen leben dort in Containersiedlungen und im Ungewissen, ob und wann sie jemals in ihre Heimat zurückkehren können. Dennoch sind es die Fragen der Menschen, die scheinbar ein normales Leben führen, die zwar nicht die dramatischsten sind, aber einem vor Augen führen, wie sehr das Unglück alles durchdringt. Fängt es an zu regnen, rennen alle panisch nach drinnen. Die Erde ist meistens kontaminiert, also dürfen die Kinder nicht im Sandkasten spielen und ohnehin nur sehr begrenzt draußen spielen. Man fragt sich, ob die Regierung denn wirklich Recht hat, mit ihrer Darstellung, dass es vor Ort sicher sei. Viele Schüler haben die Schulen gewechselt, um weiter entfernt von der Strahlung zu sein – oder weil ihre Eltern in der Region keine Arbeit mehr gefunden haben.

Zur Zeit in der der Manga spielt, war die Gefahr einer Kontamination jedoch viel höher und es wurden häufiger Lebensmittel nicht zum Verkauf freigegeben. Das hatte natürlich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Farmen konnten entwerder nichts mehr produzieren, das sicher genug war oder die Käufer scheuten Produkte aus der Region aus Angst vor der Strahlung. Es gibt auch 2016 noch eine Überwachung der Lebensmittel, die in Japan produziert werden, damit keine in den Verkauf gelangen, deren Cäsium-Dingens-Gehalt zu hoch ist. (Ich habe vergessen, welches Cäsium-Radionuklid-Dings nun gemessen wird, aber seien wir ehrlich: Wir würden es uns ohnehin nicht merken.) Glücklicherweise gibt es mittlerweile nur noch sehr selten Fälle, in denen die Grenzwerte überschritten werden.

Die zentralen Fragen des Manga

Fumi ist in der Abschlussklasse und möchte bald studieren. Die Frage, die sie selbst am meisten beschäftigt ist: Soll ich hierbleiben oder weggehen? Sind diejenigen, die woanders hinziehen nun Verräter, weil sie ihre Region und die Menschen, die nicht umziehen können, weil sie nicht die Mittel dazu haben, im Stich lassen? Oder sind die Menschen unvernünftig, die weiter an einem Ort bleiben, bei dem niemand so recht zu wissen scheint, ob er nicht doch eine zu hohe Strahlung aufweist?

Wir erleben mit Fumi den Alltag, in dem sie mit ihren Freundinnen in einer Band spielt und glücklich ist. Aber wir erleben auch für sie dramatisches, wenn Freundschaften zu zerbrechen drohen und Leute mit der Situation nicht mehr umgehen können. An so vielen kleinen Punkten ändert sich das Leben der Schülerinnen, dass sich letztendlich auch deren Lebenspläne ändern. Das Schöne am Manga „Daisy“ (die Blumensymbolik von Gänseblümchen und Bedeutung für die Freundinnen wird übrigens im Manga ausreichend erklärt) ist, dass er auch die Hoffnung der Menschen in Fukushima zeigt und es schafft, trotz allem die positive Einstellung der Mangacharaktere und der realen Menschen aus Fukushima rüberzubringen. „Wir geben nicht auf! Wir bauen unsere Stadt/unser Geschäft wieder auf! Wir verbessern die Welt!“

Alles in allem möchte ich euch den Manga ans Herz legen, wenn ihr mal einen Perspektivwechsel möchtet und nichts gegen Geschichten mit ein paar traurigen Stellen habt. Und wenn ihr euch vielleicht mal in die Köpfe der Menschen versetzen möchtet, die nach so einer Katastrophe irgendwie weitermachen müssen. Oder falls ihr darüber nachdenken möchtet, ob Atomkraft wirklich so eine gute Idee ist … ^^ Oder falls ihr Kinder in der Region unterstützen möchtet. Denn pro verkauftem Manga spendet der Egmont Verlag einen Euro an die Aktion „Hilfe für Japan„, die Ferien- bzw. Erholungsprogramme für Kinder aus Fukushima unterstützt.

Außerdem fand ich persönlich es sehr gut, dass offen der Umgang des Kraftwerks-Betreibers TEPCO (Tokyo Electric Power Company) und der Regierung mit der Katastrophe kritisiert wird. Denn diese haben phänomenal versagt, als es darum ging, die Bevölkerung zu informieren und in Sicherheit zu bringen (mehr dazu am Ende des Artikels). In den allermeisten Fällen waren offizielle Statements wenig mehr als „Joa, ist noch nicht ganz klar …“ oder „Nene, das wird schon wieder, wir haben alles im Griff. Machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Kein Wunder, dass ein paar Monate nach dem Kraftwerks-Unglück Proteste gegen Atomkraft gab und in Umfragen gut 80 % der Befragten angaben, misstrauisch gegenüber den Informationen über Kernkraft zu sein, die von der Regierung verbreitet werden.

Wirtschaft makes the power plant go round

Kernkraft an sich wird im Manga zwar nicht kritisiert, aber vielleicht wirkte es 2013 als der Manga erschien so, als würden bald alle Kernkraftwerke in Japan abgeschaltet bleiben. Man könnte ja auf erneuerbare Energien umstellen (also Sonne und Wind und so), aber … das wäre anstrengend und man müsste dafür Dinge ändern. Japan ist, laut Wikipedia zumindest, weltweit das Land mit dem viertgrößten Energieverbrauch. Im Moment können immerhin schon rund 2,5 % des Stroms mithilfe der Sonne hergestellt werden. (In Deutschland sind es glaube ich etwas unter 7 %, wenn man nach den Zahlen der International Energy Agency geht.)

Es gab auf jeden Fall einen Schub im Erneuerbare Energien Bereich, aber trotz der Proteste von tausenden Menschen gegen Kernkraft und obwohl die meisten Bezirksregierungen gegen den erneuten Start der Kraftwerke bei ihnen um die Ecke (aka in 30 km Entfernung) sind, hat der Premierminister Yoshihiko Noda entschieden, zwei an der Westküste von Japan wieder anzuschalten. Das sogar schon 2012. Natürlich nach Sicherheitsüberprüfungen, die ganz bestimmt sicherstellen können, dass dort nicht nochmal ein Tsunami drüberrollt oder ein Erdbeben den Boden unter der Anlage spaltet … ich meine … sicherzustellen, dass man bei hoffentlich nie eintretenden nächsten Unfällen die Öffentlichkeit früher warnt und Maßnahmen ergreift, damit nicht gleich alles vollkommen den Bach runter geht. Wenn ihr den Artikel zuende lest, werdet ihr wissen, warum ich an dieser Stelle kurz davor bin zu verzweifeln und hoffe, dass wirklich einige Leute aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.

„Warum die Kraftwerke überhaupt wieder anschalten?“, könnte man sich jetzt fragen. „Weil Wirtschaft!“, lautet vermutlich die Antwort. Denn Japan hat traditionell sehr wenige andere Stromquellen genutzt und musste direkt nach dem 11. März erstmal sehr viele Brennstoffe (Gas) importieren, um den eigenen Strombedarf auch ohne Atomstrom zu decken. Auf Dauer geht das natürlich ins Geld. Erst einmal neue Kraftwerke zu bauen, die nicht radioaktiv herumexplodieren können, das kostet natürlich ebenfalls. Stromausfälle – die es direkt nach dem Unglück häufiger gab – möchte natürlich auch niemand.

Vor allem, wenn dann Unternehmen, die viel Strom benötigen plötzlich ins Ausland abwandern und die eigene Wirtschaft noch einen Schlag verkraften muss. Und die Atomindustrie hat in Japan wohl noch ein ziemliches Gewicht (so wie die Autoindustrie hierzulande) und daher auch ein wenig Einfluss auf politische Entscheidungen. Ich persönlich halte das trotzdem für eine eher nicht so intelligente Idee, weil ich als Japan langfristig dann doch lieber strahlenfrei und dafür ärmer leben würde. Das heißt nur eben nicht, dass die Entscheidungsträger (oder der Großteil der Japaner) das auch so sehen müssen.

Wieviel Strahlung ist schädlich?

Die europäische Strahlenschutzverordnung legt übrigens fest, dass normale Leute einer Strahlung von 1 mSv (also 1 Milli-Sievert) pro Jahr ausgesetzt werden können. Da wir ohnehin von kosmischer Strahlung zugeballert werden (Sonne und so), ist das kein Problem, das können wir ab. Menschen, die mit radioaktiver Strahlung arbeiten (zum Beispiel im Labor), dürfen grob gesagt pro Jahr maximal 20 mSv an Strahlung abbekommen.

Sonderfälle gibt es natürlich immer, wenn man zum Beispiel einmalig eine höhere Dosis abbekommen sollte, dann ist das immer noch nicht furchtbar schlimm, nur sollte man danach eben die Strahlungsmenge wieder runterfahren und andersherum sollten Schwangere oder kleine Kinder keinesfalls einer höheren Strahlungsmenge ausgesetzt werden, da hier das Risiko einer Erbgutschädigung des Ungeborenen und die Entwicklung von Krankheiten höher ist. Sonderfälle sind auch beispielsweise Rettungsmannschaften, die einmal pro Jahr theoretisch den schon krasser klingenden Wert von 100 mSv um sich herum haben dürfen. Die Berufslebensdosis sollte aber trotzdem bei maximal 0,4 Sv bleiben (außer ihr seid Astronauten, dann müsst ihr euch vermutlich auf mehr Strahlung gefasst machen und hoffen …) Das bedeutet, bis zur Rente sollten auch Leute, die mit Strahlung beruflich zu tun haben, nur maximal 400 mSv abbekommen haben.

Wie hoch ist die Strahlung rund um Fukushima heute?

In Japan wurde festgelegt, dass sobald in den betroffenen Orten alles soweit dekontaminiert ist, dass die jährliche Strahlenbelastung bei unter 20 mSv liegt, die Bewohner wieder in ihre Gebäude zurückkehren können. Unter Dekontamination wird die Reinigung der Häuser z.B. mit Hochdruckreinigern verstanden, um radioaktiven Staub zu entfernen. Zusätzlich muss die oberste Erdschicht abgetragen werden, die dann zwischengelagert wird, da man anscheinend noch nicht so ganz weiß, wohin damit. Das wird auch im Manga erwähnt.

Damit ihr ein wenig besser einschätzen könnt, wie weit die entsprechenden Orte vom Kraftwerk entfernt sind, habe ich noch einen Screenshot von GoogleMaps eingefügt, auf dem ich die Strecke zwischen dem Kraftwerk Fukushima Daiichi (rote Markierung) und dem rund 100 km entfernten Nishigo, ebenfalls in der Region Fukushima, markiert habe.

Screenshot von Google Maps für die Route Nishigo, Nishishirakawa District, Fukushima Prefecture, Japan ---> Fukushima Daiichi Kernkraftwerk, Japan, 〒979-1301 Fukushima Prefecture

Screenshot von Google Maps für die Route Nishigo, Nishishirakawa District, Fukushima Prefecture —> Fukushima Daiichi Kernkraftwerk (gemacht am 26.02.2016)

Die jährliche natürliche Strahlenbelastung eines Mitglieds der Bevölkerung in Deutschland beträgt durchschnittlich 2,1 mSv. Je nach Wohnort, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten (aka radiologische Behandlungen/Untersuchungen, viele Flugreisen etc.) liegt dieser Wert zwischen 1-10 mSv pro Jahr.

Dank des Internets haben wir nun aber sogar Zugriff auf nahezu realtime Daten aus Japan und können den direkten Vergleich anstellen. Auf der hübschen interaktiven Karte sehen wir nun also, dass viele Städte an der West- und Ostküste Japans zwischen 50 und 70 nSv/h Strahlung abbekommen – verstrahltem Wasser sei dank. Gut, was heißt das jetzt? Umgerechnet heißt das, dass man in diesen Städten eine Strahlung von etwa 0,4 – 0,6 mSv pro Jahr abbekommt, also keine beunruhigend hohe Strahlung.

Es gibt aber auch Städte, die näher am Atomkraftwerk liegen, wie beispielsweise Nishigo. Nishigo liegt in der Präfektur Fukushima, ist aber gut 100 km vom Standort des Atomkraftwerks entfernt, wenn man Google Maps glauben darf. Dennoch liegt die Strahlung dort bei 150 – 207 nSv/h. Also das anderthalb- bis vierfache der anderen Städte und für normale Menschen auf Dauer schon nicht mehr so toll. Nähern wir uns dem Kraftwerk selbst – ihr ahnt es schon – dann steigen die Werte schnell auf mehrere tausend Nanosievert pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert laut Messungen des Bundesamts für Strahlenschutz bei unter 0,2 nSv/h.

Screenshot der Japan Radiation Map

Screenshot der „Japan Radiation Map„, die mit bunten Pünktchen die verschiedenen Strahlungsbelastungen im Land anzeigt; zu finden unter: http://jciv.iidj.net/map/

Grenzen? Ach nee, grobe Richtlinien.

Zwischen 1.500 und 13.000 nSv/h (also 13-113 mSv pro Jahr …) in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks ist alles dabei. Das Kraftwerk selbst wird einfach mal mit 20.000 nSv/h, also 175 mSv pro Jahr angegeben. Und das fünf Jahre nach dem Unfall. Es gibt übrigens auch eine sogenannte Katastrophendosis in der Strahlenverordnung, die man nur ein Mal im Leben aufnehmen darf. Die liegt bei 250 mSv. Nicht pro Jahr, sondern insgesamt. Ihr dürftet euch also nicht einmal anderthalb Jahre dort aufhalten, ohne eure Lebensdosis an Strahlung zu erreichen. Außer vielleicht zu Aufräumarbeiten. Denn solche Höchstgrenzen kann man natürlich beliebig verändern. Auch für Arbeiter in japanischen Atomkraftwerken lag die Grenze im Notfall bei maximal 100 mSv pro Jahr – bis diese Grenze am 15. März 2011 auf 250 mSv (also die ursprüngliche Lebenshöchstdosis) erhöht wurde, weil sonst wohl kaum noch jemand in der Umgebung des Kraftwerks hätte arbeiten können. Toll dieser Pragmatismus, oder?

Das positive: Die Aufräumarbeiten am Kraftwerk laufen weiter. Im Oktober 2015 hat TEPCO es dann endlich mal geschafft, eine Mauer fertigzustellen, durch die kein verseuchtes Wasser mehr ins Meer fließen kann. Nur viereinhalb Jahre nach dem Unfall.

https://i1.wp.com/www.reactiongifs.us/wp-content/uploads/2013/08/picard_clapping.gif

Sorry. Ich weiß ja, dass es sehr gefährlich ist, in die abgesperrten Bereiche zu gehen, eben weil die Strahlenbelastung so hoch ist und die Arbeiter nicht lange vor Ort bleiben können – die Evakuierungszone rund um das Kraftwerk hat glaube ich immer noch einen Radius von 20 km. Aber irgendwie kann ich mich trotzdem nicht damit anfreunden, eine Firma zu loben, die ihre Angestellten dazu gezwungen haben soll, die reale Bedrohung durch den Unfall in ihrem Kraftwerk zu verschweigen und die nicht einmal genügend Dosimeter (kleine Messgeräte, die man am Körper trägt) oder Schutzstiefel hatten, um bei den Aufräumarbeiten sicherzustellen, dass die Arbeiter sich nicht beim Herumlaufen auf dem Gelände komplett verstrahlt haben.

Ist das ein Notfall? Muss ich ins Handbuch schauen.

Am Morgen des 12. April 2011 stufte die japanische Regierung den Unfall auf Stufe 7 der INES-Skala („Katastrophaler Unfall“) hoch. Bis dahin hatte nur die Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 diese Einstufung erhalten. Ähm, wann war nochmal kurz der Unfall? Ach ja, am 11. März. Elfter März, zwölfter April, liegt dazwischen nicht ein ganzer Monat? Doch doch, die Kernschmelze in den Reaktorkernen hat die japanische Regierung allerdings schon am im März verkündet. Im Gegensatz zu TEPCO, die das erst am 15. Mai übers Herz gebracht haben. Und 2016 hat das Unternehmen dann auch eingeräumt, dass man vielleicht eventuell auch ein bisschen früher dem Rest der Welt hätte mitteilen können, dass es sich um einen etwas größeren Unfall handelt.

Die Begründung? Die hätte sich nicht einmal mein Zynismus alleine ausdenken können. Man habe quasi beim Aufräumen und der Vorbereitung auf die Wiederinbetriebnahme eines anderen Kraftwerks ein altes Handbuch entdeckt. Darin befand sich die Definition für das Wort „Kernschmelze“, dass damals so fröhlich vermieden wurde: 5 % Schaden am Reaktorkern. Wie in der FAZ beschrieben wird, hatte TEPCO selbst nach zwei Tagen bereits Schätzungen abgegeben, nach denen 55 % des ersten Reaktorkerns nicht mehr so ganz dolle in Schuss seien. Aber da man das Handbuch ja „verlegt“ hatte, ist zunächst anscheinend niemandem aufgefallen, dass man dementsprechend auch eine Kernschmelze vor der Nase hatte. Praktischerweise.

Erst am 15. Mai 2011 kommt man dann zu dem Schluss, dass man mittlerweile auch mal bestätigen könnte, was ohnehin jeder weiß: Es war wohl doch eine Kernschmelze. Und zweitausend-fucking-sechzehn finden die dann ihr Handbuch wieder, in dem so elementare Dinge drinstehn, wie „Oh, war ja doch von Anfang an eine Kernschmelze“?! Geht’s noch? Als ob nun irgendjemand glauben würde, dass die das verlegt hätten … Immerhin werden nun der frühere Chef und zwei Ex-Vizepräsidenten von TEPCO angeklagt, weil der Reaktor bzw. das Kernkraftwerk nicht sicher genug gewesen sei. Auch wenn es dabei keine Verurteilung geben sollte, hoffen viele zumindest auf eine umfassendere Aufklärung, was die … *durchatmen* was die Chefetage von Tepco zu diesem Zeitpunkt wusste und wer wann wie wo was verheimlicht oder falsch gemanagt hat. (Das Video im verlinkten Zeit-Artikel zeigt übrigens sehr anschaulich, wie es in Fukushima auch Jahre nach dem Unglück noch aussah.)

Wenn wir die Gefahren ignorieren, dann treten sie vielleicht nicht ein!

Was die mangelnde Vorbereitung auf den Katastrophenfall angeht, so wurde bereits im Oktober 2011 eine Untersuchungskommission („NAIIC“) gegründet, die im Juli 2012 berichtete, wer alles schon im Vorfeld des Erdbebens Mist gebaut hatte. Grob gesagt: Viele. Die simpelsten Anweisungen, um die Sicherheit des Kraftwerks zu gewährleisten, wurden zwischen Behörden hin und her gereicht und immer weiter verschoben. Das Kraftwerk war nicht erdbebensicher. In JAPAN. Wo man ja nur jede zweite Woche mit einem Erdbeben rechnen kann.

Ich fasse das kurz aus dem Report zusammen: Die Nuclear Safety Commission hat 2006 neue Richtlinien festgelegt, an die sich Kraftwerksbetreiber halten sollten, damit ihre Anlagen erdbebensicher sind. Die Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA) hat dann beim Kraftwerksbetreiber TEPCO angerufen und gesagt, dass die mal überprüfen sollen, ob ihr Kraftwerk die Richtlinien einhält. TEPCO hat dann gesagt „Jo, machen wir. Bis 2009.“ woraufhin sich NISA dachte „Cool, dann läuft das ja.“ und hat anscheinend nie wieder nachgefragt. TEPCO hat währenddessen die Strategie gefahren, die Kinder bei der Erledigung unangenehmer Aufgaben manchmal an den Tag legen: Verdrängen, bis wieder jemand nachfragt, in der Hoffnung, dass alle vergessen, wer sein Zimmer aufräumen sollte. Leider hat NISA keinen Mutterinstinkt bewiesen und nicht so lange dran erinnert, bis TEPCO endlich sein Zimmer auf Vordermann gebracht hat. Stattdessen konnte TEPCO innerhalb der Firma die Deadline für den vorgeschriebenen Erdbebensicherheits-Check auf 2016 verschieben. Ihr habt euch nicht verlesen. 2016. Das war also das Prinzip: „Klar, Mutti, ich räum mein Kinderzimmer schon auf, aber das hat ja Zeit bis nach meinem Masterstudium, oder?“

Ich gebe auf. Ernsthaft jetzt?

Die NSC hat außerdem schon mal TEPCO darum gebeten, dass diese ein Statement abgeben, in dem sie erklären, warum es unnötig sei beispielsweise einen vollkommenen Stromausfall inklusive Notstromgeneratoren mit in die Sicherheitsszenarien mit aufzunehmen. Nur damit die NSC dann sagen kann, es sei nicht nötig so etwas aufzunehmen, weil der Fall eines Stromausfalls so unwahrscheinlich wäre, schließlich müssten dafür ja ein Erdbeben UND ein Tsunami Japan treffen … Außerdem wurden gefühlte Tonnen von anderen Sicherheitsmaßnahmen nicht geprüft oder geupdatet, weil TEPCO der Meinung war, dass die nur den Betrieb stören würden und die Sicherheitsbehörden Angst hatten, dass man ihnen vorwerfen könnte, sie hätten unsichere Kraftwerke genehmigt. Deswegen hat man beispielsweise nach einem Update der Sicherheitsbestimmungen in den USA aufgrund der 9/11-Anschläge, einfach nicht mit TEPCO darüber geredet.

Das wäre so als hätte Mutti eine Doku über plötzlich explodierende Spielzeuge gesehen, wäre sich ziemlich sicher, dass die vermutlich in Klein-Tepcos Zimmer rumliegen, aber hätte Angst, dass ihr jemand sagt, sie hätte ihn ja mit gefährlichen Spielzeugen spielen lassen. Und deswegen weist sie ihn nicht darauf hin, sondern hofft einfach, dass die explodierenden Teddys im ganzen Chaos untergehen und es niemals jemandem auffallen wird. Außer das halbe Haus wird weggesprengt, weil im Chaos jemand auf den Teddy getreten ist. Aber hey, dann kann ihr immerhin niemand vorwerfen, sie hätte … ääh … das beste im Sinn gehabt? Ihr seht, Logik ist nicht unbedingt eine stärke der meisten größeren Organisationen. Und das war nur der Anfang, ich habe mich gar nicht getraut weiter zu lesen. Die Zusammenfassung des Berichtes (auf Englisch, ohne Teddybären, dafür aber mit der Vernachlässigung deprimierend vieler wichtiger Richtlinien) findet ihr übrigens hier oder hier als pdf.

Mit dieser deprimierenden Vorstellung lasse ich euch dann mal weiter über das Thema grübeln und entschuldige mich an dieser Stelle, falls ich euch den Tag verdorben haben sollte. Falls ihr mehr Ahnung vom Thema haben solltet oder ich mich irgendwo bei den Strahlungseinheiten verrechnet haben sollte, dann sagt mir gerne Bescheid und ich korrigiere das. Ich habe für den Artikel mehrere Tage lang recherchiert und immer wieder Absätze zu einzelnen Themen hin und her geschoben, es kann also passieren, dass sich eine Argumentation mal im nirgendwo verliert – trotz mehrmaligem Korrekturlesens. ^^
Nachtrag 10.3.2016: Ich habe am noch eine Studie des Vereins „Ärzte für soziale Verantwortung“ (Physicians for Social Responsibility) gefunden, in der unter anderem auch steht, dass in der Region bereits wesentlich mehr Kinder an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind als man im Normalfall erwarten würde. Leider hatte ich bisher keine Zeit, die Studie zu lesen (sie ist auch erst am 9.3. erschienen), aber ich verlinke sie euch, falls ihr euch selbst weiter informieren wollt: „Five years living with Fukushima„. Falls ihr möchtet, dass ich mir die Studie selbst genauer anschaue und darüber noch einen (kürzeren!^^‘) Artikel schreibe, dann sagt mir einfach Bescheid und ich nehme mir die Zeit dazu. :)

Wie steht ihr zu alldem?

Generell interessiert mich natürlich wie immer eure Meinung. Was haltet ihr vom Thema bzw. vom Manga? Wieviel hatbt ihr damals vom „Fall Fukushima“ mitbekommen? Jetzt ist ja quasi das „Jubiläum“ des Unglücks und ich persönlich rechne mit einem Wust von Artikeln zum Thema. Geht es euch ähnlich oder ist euch das Thema sogar schon hundert Mal irgendwo begegnet? Hätten euch noch andere Aspekte interessiert? Wenn ja, welche? Habe ich irgendetwas unverständlich erklärt oder habe ich mich mit einem Aspekt zu lange aufgehalten?

Die Frage aller Fragen: Was haltet ihr von Kernkraft? Da ich für ein Magazin über erneuerbare Energien arbeite, halte ich davon unüberraschenderweise nicht viel. :D (Auch wenn ich mich dort so gut wie nie mit Kernkraftwerken beschäftige.) Dabei haben wir in diesem Text noch nicht einmal das Thema Entsorgung angesprochen … Aber vielleicht seht ihr das mit der Kernenergie ja anders, wenn man die Unfälle außen vor lässt? Beschäftigt ihr euch überhaupt mit Energie, Klimawandel und dem ganzen Gedöns? Was ich auch sehr spannend finde: War euch bewusst, dass das Sicherheitsmanagement von TEPCO/den Behörden so grottenschlecht war oder hat euch das auch so schockiert wie mich?

Im Zuge meiner Aktion „Sparen könnte so einfach sein, wenn es keine Mangas gäbe“ überlege ich gerade, mir noch „Reaktor 1F“ von Kazuto Tatsuta zuzulegen.  Den Manga hatte schon länger im Blick, aber es gibt ihn, soweit ich das mitbekommen habe, erst jetzt auf Deutsch. Der Mangaka geht das Thema ganz anders an: Er hat bei den Aufräumarbeiten auf dem Kraftwerksgelände mitgewirkt und ich schätze sein Bericht wird zwar wesentlich weniger emotional als die Alltags-Geschichte um Fumi sein, aber mir trotzdem nahe gehen. Sollte ich mir den zulegen (bisher ist nur der erste Band erschienen), dann würde ich euch natürlich wieder davon berichten. So. Ich glaube damit hätten wir alle Fragen geklärt und ich habe vermutlich bewiesen, dass ich das mit den unfassbar langen Artikeln noch drauf habe.

Nach dieser größeren Portion Ernsthaftigkeit gehe ich jetzt jedenfalls wieder anspruchslose Dinge tun. Oder sollte ich das vielleicht nicht? Was meint ihr? Zieht ihr Konsequenzen für euch persönlich aus solchen Vorfällen? Beeinflussen euch Bücher oder Artikel über solche Themen?

Einen hoffnungsvollen Abend wünscht euch
eure 0utofjoint =)

PS: Keine Sorge, so wie auf dem Titelbild sieht mein Küchenfußboden normalerweise nicht aus. :D Aber mir fiel nichts besseres ein, um den Kontrast zwischen der Tragödie und den Pastelltönen und der Hoffnung von Fumi darzustellen. Ich bin so plakativ, ich weiß. :/

**= Die Links führen wie immer zu Amazon über dieses Affiliate-System. Falls ihr nur eine Leseprobe von „Daisy“ wollt und meinen Hinweis oben überlesen habt, die findet ihr sogar bei Egmont. ^-^ Wenn ihr bei Amazon bestellt, aber keine „Bonuspunkte“ für mich dort sammeln möchtet, ist das vollkommen okay, dann müsst ihr logischerweise einfach nur selbst dort nach dem Manga suchen. ;) Mehr zum Affiliate-Programm findet ihr ab jetzt auf meiner „About“-Seite.

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8 Kommentare

  1. Wenn ausländische Medien über Japan schreiben, haben sie eine meist westliche, eigene Sicht. Sie legen einen anderen Maßstab an und urteilen über diese „komischen Japaner.“ Als Japanerin habe ich alles zu Fukushima mitbekommen. Vielleicht anders. Fukushima zeigt, wie Japan noch immer funktioniert. Einzelne opfern sich für das Wohl der Masse. Schwer zu verstehen für Europäer. Fukushima hat aber auch mit dafür gesorgt, dass in Japan ein langsames Umdenken beginnt. Umweltschutz ist plötzlich ein Thema. Aber die dortigen „Grünen“ haben noch einen steinigen Weg zu gehen.

    Kernkraft ist ein Spiel mit dem Risiko. Vor allem in durch Erdbeben gefährdeten Gebieten. Kalte Fusion wäre vermutlich besser. Sie ist aber bisher nur Theorie. Entsprechende Reaktoren laufen (angeblich) im Testbetrieb. Sonnen- und Windenergie sollten, ja müssen dringend gefördert werden. Irgendwann ist das Öl zu Ende. Und dann ist der Katzenjammer groß.

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    1. ^^ Diese komischen Japaner… Ja, das stimmt schon, die japanische Kultur ist uns recht fremd und deswegen kommt es öfters zu anderen Interpretationen von Vorfällen. Ich lege aber trotzdem meinen Maßstab an und bin z.B. empört, dass Tepco lieber die Einwohner in Gefahr gebracht hat, als offen über ihre Fehler zu reden. Denkst du als Japanerin da anders drüber? Bzw. denkst du, dass die Menschen in Japan nicht ebenfalls empört waren? Oder war deine Aussage jetzt auf einen ganz anderen Aspekt meines Artikels bezogen? :)
      Ja, in Deutschland sind wir schon „grüner“, was die Energieproduktion angeht, aber ausreichen wird das leider immer noch nicht, um den Klimawandel abzuwenden. Da haben wir weltweit wohl noch so einiges vor uns. Ich hoffe einfach, dass der Wandel weitergeht und nicht von dne großen Öl- oder Kernkraftkonzernen aufgehalten wird.
      Kalte Fusion, ja … Das ist so wie mit dem Klonen: Ich glaube erst, dass das jemand geschafft hat, wenn ich eine Demonstration sehe. :D Auch wenn ich Klonen für einfacher halte als die kalte Fusion. ;)

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      1. Klone gab es doch schon. Das Schaf Dolly, wenn ich das richtig gelesen habe.
        Die japanische Gesellschaft verändert sich. Aber es geht langsamer voran, als im Westen. Du musst verstehen, dass niemand sein Gesicht verlieren will, wenn es zu solchen Meldungen, wie über Tepco und Fukushima kommt. Aber ich denke, dass man die Verantwortlichen hart bestrafen sollte.

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        1. Ich meinte jetzt die menschlichen Klone, die bereits in so vielen Science Fiction Filmen vorkamen. Das Schaf gab es in der Tat und auch andere Tiere. Aber eben meist mit gesundheitlichen Einschränkungen. Und ich wollte ja auch darauf hinaus, dass es vermutlich „einfacher“ ist ;)
          Das verstehe ich zwar rational, aber emotional finde ich, dass auch die persönliche oder Firmenehre nicht über der Gesundheit anderer stehen sollte. Dann sind wir da ja einer Meinung. :)

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