Atmen wird überbewertet

In dieser unserer verrückten Welt wird es anscheinend zukünftig Orte geben, in denen das problemlose Atmen nicht gratis ist. Ernsthaft. Um zu erklären, wie ich auf diese Idee komme, lasst mich kurz etwas ausholen – oder scrollt bis zum Abschnitt „Leben in der Blubberblase“. ;)

Durch die extrem hohen Smogwerte wurde Peking in einer Studie vor einigen Monaten als „für Menschen kaum bewohnbar“ klassifiziert. (Siehe Berichte bei der Süddeutschen und bei DW). Laut WHO (World Health Organisation) sind pro Kubikmeter Luft nur maximal 10 µg Feinstaub noch gesund. Pekings Luft hat dank des Smogs Durchschnittswerte von 89 µg/m³ und Extremwerte von mehreren Hundert µg/m³ sind wohl keine Seltenheit. (Um das noch einmal zu betonen: Da fliegt das zwanzigfache des erlaubten Höchstwertes an ekligen Sachen in der Luft rum und die Menschen müssen trotzdem zur Arbeit …)

Die Regierung ist der Meinung, dass die Stadt dennoch sehr lebenswert sei, denn schließlich gleiche ein herausragendes kulturelles Angebot die mangelnde Luftqualität ja aus. Man kann schließlich nicht alles haben. Ein gutes Theater UND atembare Luft? Ja, wo kämen wir denn da hin!

Atemerkrankungen steigen, während die Lebenserwartung der Menschen sinkt und das nicht nur in Peking, denn die Feinstaubbelastung war laut einem Test aus dem Jahr 2013 in 71 von 74 Städten zu hoch und Peking war nicht einmal unter den Top 10. Der Smog ist zwar nicht immer so dick, dass man nicht mehr geradeaus schauen kann, aber es kommt immer wieder zu schlimmeren Episoden.


Smog über Shanghai

Umweltschutz

Es werden zwar langsam Maßnahmen durchgesetzt, um den Feinstaubausstoß zu verringern. Aber da China der größte Verbraucher und Produzent von Kohle ist und ein Großteil des verbrauchten Stroms aus Kohlekraftwerken stammt, geht das nicht von heute auf morgen. Ein WWF-Bericht über die Zukunft Chinas beschäftigt sich genau damit und spielt verschiedene Szenarien durch, wie man die Umweltverschmutzung verringern könnte. Die Autoren der Studie schlagen darin den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien (insbesondere Windkraft und Solarenergie) vor. Außerdem soll auf eine höhere Energieeffizienz gesetzt werden, damit die Fabriken, die den ganzen Strom aus den Kohlekraftwerken beziehen, gar nicht mehr so viel davon verbrauchen. Auf mehr Effizienz bei den Fabriken und eine Verringerung des Anteils von Kohlestrom setzt deswegen wohl auch die chinesische Regierung. Außerdem wird nun wohl bald endlich über eine Reform der Umweltgesetze entschieden, da diese mittlerweile ziemlich veraltet sind und aus dem Jahr 1989 stammen.

Doch bis diese Maßnahmen umgesetzt werden, werden die Atemmasken in vielen chinesischen Städten wohl weiterhin regelmäßig ausverkauft sein, da sich kein vernünftiger Mensch dem Smog ohne wenigstens einen psychosomatisch-wirkenden Schutz aussetzen möchte.

Leben in der Blubberblase

Einen ganz science-fiction-artigen Ansatz zur Umgehung des Problems hat jetzt eine chinesische Architekturfirma vorgeschlagen. Ihr erinnert euch noch an die Center-Parks? Etwas ähnliches ist das Projekt BUBBLES. Darin schlagen die Architekten von Orproject vor, einen botanischen Garten bzw. Park in einer versmogten Stadt anzulegen und eine Blase aus transparentem Material darüber zu bauen. So soll die Luft im inneren der Blase rein bleiben und Bewohner der Stadt haben immerhin ab und zu Zugang zu etwas frischer Luft und dürfen einmal kräftig durchatmen, bevor es wieder in die diesige Außenwelt geht. Zusätzlich stoßen die Architekten noch die Idee an, dass man auch öffentliche Gebäude wie Schulen oder Krankenhäuser oder Bürogebäude und Apartments an die Blase anschließen bzw. über den jeweiligen Gebäuden eigene „Bubbles“ errichten könnte.

Nette Idee. Gehen wir einfach mal davon aus, dass das irgendjemand finanziert und solche Dinger gebaut werden. Allerdings stellen sich meinem dystopischen Hirn dann folgende Fragen: Würde das zu einer noch krasseren Aufteilung in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft führen? Und mein schwarzdenkender Cortex fügt hinzu: „Du meinst, wie schnell. Nicht ob.“ Denn der Bau so einer Blase wäre garantiert kostspielig und alle Apartments, die darunter stehen, würden sicherlich zufällig um das zwanzigfache im Preis steigen. Demnach könnten sich reichere Menschen in saubere Gegenden verziehen, während der Pöbel weiter auch zuhause die Billigluft atmen darf und vielleicht am Wochenende einmal seine Lunge in den Bubble-Park ausführen darf. Man gönnt dem einfachen Volk ja auch seinen Spaß. Und wenn dem so wäre, würden die Mächtigen des Landes (die nun ja meistens auch zu den Reichen des Landes zählen), noch daran interessiert sein, die Smog-Gefahr für alle anderen zu bannen? Hoffen wir einfach, dass zuerst die Umweltmaßnahmen umgesetzt werden, die den ganzen Planeten retten – und nicht nur eine kleine Blase, in der man ignorant vor sich hin existieren kann.

Bevor jetzt jemand denkt, dass ich besonders China kritisiere: Ich bin heute Abend einfach recht zynisch und verneine, dass Menschen arg motiviert sind, Dinge zu tun, die ihnen selbst keinen Vorteil bringen. Egal in welchem Land. Vom Smog ist außerdem nicht nur China betroffen. Dort ist das Problem nur sehr extrem. Auch europäische Städte könnten bald mit dabei sein. In Paris gab bereits es letzten Monat aufgrund erhöhter Smogwerte ein Fahrverbot für Kraftfahrzeuge. Nur um allen noch einmal völlig den Tag zu vermiesen, die sich gerade über ihre gute Atemluft gefreut haben. :)

Hongkong ist übrigens gesegneter als viele andere der Städte in China, was die Ausflüge in atemfreundlichere Gegenden angeht. Direkt um die Stadt herum befinden sich mehrere Naturschutzgebiete, in denen hoffentlich noch ausreichend Platz zum Aufatmen ist.

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5 Kommentare

  1. In dieser Denke, dass Menschen sich nur für sich selbst einsetzen und insbesondere die Elite, bist du wohl nicht allein. Gestern abend hättest du mal WDR schauen müssen. Die waren richtig auf Krawall gebürstet. Die haben doch glatt die These aufgestellt, dass es Deutschland nicht gut geht, sondern dass uns das nur die Elite klar machen will. Der geht es nämlich wirklich gut, aber dem Großteil Deutschlands leider wohl nicht… Was die da berichtet haben, war wirklich einfach nur traurig. Wenn es dich interessiert, habe ich gerade entdeckt, dass die Sendung sogar in der mediathek noch drin ist (Sendung: Markt; Datum: 28.4.14).

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    1. Ich glaube ich muss erstmal eine positive Kategorie erstellen und die auffüllen, bevor ich weiterposte. So sehr will ich dann doch niemandem den Abend vermiesen … Aber ja, die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer und das fast überall. Am besten wäre es, wenn wir uns alle anstrengend, damit die Zukunft besser wird. Find ich nen guten Plan. Die Details zum Plan überleg ich mir natürlich noch. ;)

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