Die Lügen des Locke Lamora – Review

Seit längerem habe ich mal wieder ein richtiges Buch gelesen. So eins mit mehreren hundert Seiten und ohne Bilder und so! Das schockiert euch wahrscheinlich, aber ich lese nicht nur Mangas. ;)

Cover von "Die Lügen des Locke Lamora" von Scott Lynch; Heyne Verlag

Schlecht fotografiertes Cover

Das Buch das mir im Laden entgegenhüpfte war „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch. Beworben wurde es mit „Für alle Fans von Game of Thrones!“ und auf dem Buchcover gab es auch Lob vom guten George R.R. Martin. Also hab ich mal geschlussfolgert, dass das Buch vermutlich nicht schlecht ist, war aber noch etwas skeptisch, ob ich mich auf etwas einlassen möchte, dass GoT-Charakter hat. Denn was heißt das? Ist das Setting ähnlich oder der Schreibstil oder die Anzahl der Leichen, die den Schaffensprozess des Autors pflastern? Meine Antwort lautet: Es gibt gleich mehrere Ähnlichkeiten mit GoT, aber es ist wesentlich verträglicher, wenn man an Charakteren hängt. ^^

Die Welt von Locke

Das Buch spielt in einer Fantasy-Welt, die wie gewohnt unserem Mittelalter bzw. einem der vorvorvorigen Jahrhunderte ähnelt. Es gibt einen Herzog, der über das Land Camorr herrscht, mehr oder minder verwöhnte Adlige, Bettler, mangelnde sanitäre Anlagen und Veranstaltungen im Stil der klassischen Brot und Spiele. Außerdem noch ein wenig Magie, lustige alchemische Leuchtkugeln anstelle von Fackeln und mysteriöse Glasbauten innerhalb von Lockes Stadt, die unkaputtbar und wunderschön sind – und von denen niemand weiß, wer sie erbaut hat. Neben den Adligen und dem Herzog gibt es aber noch eine weitere Parallel-Gesellschaft, die in den hässlicheren und dreckigeren Stadtteilen lebt: Die „richtigen Leute“, die unter der Herrschaft ihres Bosses, dem „Capa“ stehlen und Abgaben an ihn leisten. Aufgrund von geheimen Absprachen behelligt der legale Teil der Gesellschaft diese Diebe eher nicht, da sie im Gegenzug das Gebot befolgen auf gar keinen Fall adlige auszurauben.

Die Story

Auftritt Locke. Locke ist der genialste Dieb, den ihr jemals kennen gelernt habt. Aufgezogen von seinem Betreuer Chains, um ein Gentleman-Dieb zu werden, zieht er mit seinen Freunden durch die Stadt und verübt einen genialen Coup nach dem anderen. Für den aktuellen Plan haben sich die Gentleman-Ganoven ein ganz besonderes Ziel ausgesucht: einen der reichsten Adligen in Camorr. Ihr habt richtig gelesen. Adliger. Das waren genau die, die rechtschaffende Diebe aufgrund des geheimen Abkommens nicht ausrauben dürfen. Doch während sich alle anderen damit zufrieden geben stinklangweiligerweise normale und brutale Raubzüge durchzuführen, halten Locke und Co. nur die Fassade von unbedeutenden Dieben aufrecht, die immer nur wenig erbeuten und sich gerade so über Wasser halten können, während sie eigentlich Schatzkammern voller Gold anhäufen. Das aber nicht weil sie gierig sind, sondern weil es ihnen Spaß bereitet mithilfe von hunderten Verkleidungen, verschiedenen Sprachen, gefälschten Herkünften, waghalsigen Unternehmungen und dreisten Lügen genau diejenigen um ihr Geld zu erleichtern, die das ihrer Meinung nach sehr gut verkraften können. Eine moderne Bande Robin Hoods, könnte man sagen. ;)

Aber natürlich läuft auch bei Locke nicht immer alles reibungslos ab und es geschieht das, was auf gar keinen Fall passieren sollte: Jemand erkennt seine wahre Identität. Aber wer und in welchem Zusammenhang, damit würde ich hier zuviel verraten. :) Begnügt euch mit der Aussage, dass Locke gegen einen sehr gefährlichen Gegner antreten muss.

Die Gentlemen-Ganoven

Die Gentlemen-Ganoven sind allesamt Waisenkinder, die von ihrem Lehrer Chains im Laufe der Jahre im stehlen, lügen und betrügen ausgebildet wurden. Allerdings mit dem Vorsatz stets reiche Menschen zu bestehlen, kein unnötiges Blutvergießen anzurichten und sich auf Täuschungen statt auf Gewalt zu verlassen.

Mit im Bunde sind:

Locke, der leichtgewichtige Anführer mit den aberwitzigen genialen Plänen und einem so langweiligen Gesicht, dass es als ideale Leinwand für Verkleidungen fungiert. Sein größter Fehler ist, dass er sich selbst immer für intelligenter als alle anderen hält und sich und seine Freunde durch diese „don’t worry, I got thi- oops!“-Einstellung so manches Mal in Schwierigkeiten bringt. Seine Freunde müssen ihn also manchmal arg zurückhalten, damit er nicht – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – alles in die Luft sprengt. :D

Jean, Lockes bester Freund, der wesentlich massiger gebaut ist und in brenzligen Situationen auch schon einmal seine beiden Äxte für sich sprechen lässt – wobei er nicht übermäßig erpicht darauf ist, Leute damit umzubringen.

Calo und Galdo, Zwillinge, die man als Leser ohnehin nicht auseinander halten muss, weil sie eh immer zu zweit auftreten und beide sich auch von der Art und von ihren Spezialfähigkeiten -Trickbetrug beim Kartenspielen- sehr ähnlich sind.

Bug, der jüngste und kleinste der Ganoven, der aber schon einiges drauf hat und sehr pfiffig ist. Überwachungen und spontane Sprünge mitten in die Schei..ins Schlamassel sind seine Spezialität.

Alle leben zusammen wie eine Familie und sind sich auch dementsprechend wichtig. Dudududummm…. Ja, George R.R. Martin würde das als Zeichen sehen.

Game of Thieves?

Wo sind denn nun die Ähnlichkeiten zu GoT? Tja, gute Frage, die ich mir auf den ersten drei- bis vierhundert Seiten des Wälzers auch nicht beantworten konnte. Dann starb jedoch die erste Person einen sinnlosen und grausamen Tod und ich dachte mir „Aaaaah, jetzt geht’s los …“

Wälzer? Wälzer!

Wälzer? Wälzer! (Es sind handliche 845 Seiten. Und ja, der Kaktus hat nen Namen ;))

Für mich bleiben die beiden Werke trotz mehrererer tragischster Todesfälle und einer Tendenz zum Quälen des Hauptcharakters dennoch sehr unterschiedlich. Denn wo GoT Königreiche in den Krieg ziehen lässt, wandert Locke alleine durch seine Stadt. Wo bei GoT die 8027364649393te Sexszene vorkommt, kann man bei Locke auch mal lachen. Dort kommt Sex zwar auch vor, aber es werden keine entsprechenden Szenen seitenweise geschildert. Und es schlafen auch keine Verwandten miteinander und so. O.o Die ganze Atmosphäre bei Locke ist angenehmer und nicht so düster und auch wenn das Buch zum Ende hin ernst wird, bewahrt sich Locke einen Teil seines Humors.

Der Schreibstil

Der Schreibstil von GRRM ist natürlich episch und sehr bewundernswert, aber was mir auf den Keks ging und was neben der ewigen Quälerei der Charaktere einer der Gründe war, warum ich nach dem zweiten Band aufgehört habe, ist folgendes: Es gibt verflucht noch eins 700 Handlungsstränge und er springt ständig zwischen ihnen und den dazugehörigen 6 Hauptcharakteren pro Handlungsstrang hin und her. Respekt, dass der Mann sich das alles so merken kann, aber mich hat das in den Wahnsinn getrieben! Ich mag durchaus Bücher, bei denen es viele Handlungen gibt, die irgendwann miteinander verknüpft werden, aber wenn ich gerade richtig mitfiebere bei Storyline 4, dann springt der Kerl nacheinander zu Nummer 2, 3, 8, 7, 5, 6 und 1 und von Teil 4 hört man erst dann wieder was, wenn ich schon wieder vergessen habe, dass das Land in dem Nummer 4 stattfindet überhaupt existiert. So, sorry fürs aufregen! :D

Bei Locke is das jedenfalls wesentlich entspannter. Dort folgt man fast ohne Ausnahme dem Hauptcharakter und seinen Freunden und springt nicht wild hin und her. So wächst einem Locke auch mehr ans Herz. Aber zu eurer Beruhigung: Es gibt noch mehrere Fortsetzungen und bei allen kommt Locke in der Inhaltsbeschreibung vor. Locke kann also gar nicht sterben. ;) Auch der Schreibstil ist angenehm, auch wenn Scott Lynch dazu neigt ganz viele Details ganz doll ausführlich beschreiben zu wollen. Aber wenn man Fantasy schreibt und erklären möchte, wie der megafancieste Palast ever aussieht, dann kommt man daran wohl nicht vorbei. Die Reise lohnt sich für Wortschatz-Fans jedenfalls, denn generell schreibt Lynch sehr wortgewandt und verwendet tolle Ausdrücke, die man sonst eher selten hört. Das ist mir im zweiten Band noch mehr aufgefallen, den ich mir gleich im Anschluss gekauft habe. Denn den lese ich jetzt auf Englisch und da merke ich doch noch häufiger, dass ich Worte gar nicht kenne. Mein Wissen is wohl doch nich so umfassend, wie mich mein Verständnis des im Internet gefaselten Englisch immer hoffen lässt. :D

Alles in allem eine klare Empfehlung für den sympathischen Meisterdieb Locke Lamora von mir. Insbesondere für Leser, die mal eine kurze „Game of Thrones“-Verschnaufpause möchten, ohne jedoch komplett auf Todesfälle und einen wortgewandten Schreibstil verzichten zu wollen. ;)

Falls ihr eine andere Meinung zum Buch habt, dann schreibt sie mir doch einfach. Ich bin gespannt! Bis dahin: Keep on reading!
Eure 0utofjoint :)

Info: Eine abgewandelte und gekürzte Version dieses Reviews ist auch bei buchbesprechung.de erschienen, yaaay! ^-^ Wenn ihr Buchempfehlungen, Schreibtipps und generell alles mit, von oder über Bücher mögt, solltet ihr dort unbedingt mal vorbeischauen. :)

Advertisements

2 Kommentare

Mitreden :)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s