Psychische Störung in Bildern – Comic-Review „Das Nao in Brown“

Als ich neulich im Comicladen war und am liebsten so ungefähr mein Monatsgehalt dort gelassen hätte (Bericht kommt bald! :) ), bin ich auf eine Graphic Novel gestoßen, die ich einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte: „Das Nao in Brown“ von Glyn Dillon. Normalerweise lese ich fast ausschließlich Mangas, aber den Comic hatte ich bereits auf der Webseite des Ladens in einem Empfehlungskasten der netten Comic-Verkäuferin gesehen. Und man will ja positiv auffallen und ernst genommen werden, deswegen hab ich den dann mal möglichst vor ihrer Nase aufgeschlagen. ;) Allerdings hat mich direkt die erste Seite, die ich aufschlug, fasziniert und deswegen bekommt ihr ausnahmsweise mal ein Comicreview von mir. :)

Cover "Das Nao in Brown" von Glyn Dillon; Egmont Verlag

Cover von „Das Nao in Brown“;  Glyn Dillon; Egmont Verlag

Jepp, das ist eine Waschmaschine und jepp, auch im Comic nehmen Waschmaschinen eine zentrale Rolle ein – auch wenn sie eigentlich nichts mit Nao zu tun haben und schon gar nicht in den Zeichnungen ihren Kopf ersetzen. Lasst euch also nicht vom Cover in die Irre leiten! ;)

Eins noch vorweg: „Das Nao in Brown“ wird garantiert nicht jedem gefallen, da der Geschichte stellenweise sehr abgespaced, spirituell und vielleicht auch verstörend sein kann. Worum geht es also? Es geht um Nao, Mitte 20, Halb-Japanerin/Halb-Britin, arbeitet in einem Designspielzeug-Laden und um Naos Alltag. Doch Nao selbst ist nicht alltäglich. Das sieht man sehr gut an der Seite, bei der ich hängen blieb. Nao fährt nach einem schlechten Tag mit dem Taxi heim und während sie noch den Ausweis des Taxifahrers betrachtet, springt ihr -völlig unspektakulär- folgender Gedanke in den Kopf: „Dem Taxifahrer das Genick brechen.“ Dazu gibt sie eine Zahl an: 8 von 10.

Liebe in Zeiten der Seelenqual

Nao hat eine Aggressionsstörung und je höher die Zahl auf ihrer Skala von 1 bis 10 ist, desto kürzer ist sie -vermeintlich- davor, jemandem etwas anzutun. Das erschließt sich ziemlich schnell. Was nicht genau klar wird, ist, wieso Nao diese Aggressionen hat. Aber ich glaube, den Ursprung einer psychischen Krankheit/Störung zu ermitteln, ist meist noch schwieriger als die Auswirkungen zu behandeln. Deswegen ist es auch nicht schlimm, wenn der Comic hier keine Antworten liefert. Was ich auch nicht weiß, ist, ob Nao auf einem realen Charakter basiert. Ich gehe aber stark davon aus, dass Glyn Dillon sich zumindest sehr mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder jemanden kennt, der ihn zu Nao inspiriert hat, da sie einfach so echt auf mich wirkt.

Eigentlich geht es im Buch auch um eine Liebesgeschichte. Nao lernt ihren Traummann kennen und so. Doch ich fand, dass dieser Teil erstens angenehm „normal“ und unverklärt war, denn ihr Traummann ist keineswegs perfekt und allein durch einen Mann an ihrer Seite lösen sich keine anderen Probleme. Zweitens reißen einen Naos Panikattacken, wenn ihre Emotionen plötzlich bei „9 von 10“ sind, einen immer wieder aus dem Fluss, den eine seichte Romanze oder eine typische Alltagsgeschichte genommen hätte.

Alles in allem zeigt der Comic, wie Nao ihr ganz normales Leben führt und versucht damit zurechtzukommen, dass ihr Hirn die an sich ja fast normalen „Boah, was labert der für einen Müll? Kann ich dem bitte eine runterhauen?!“-Gedanken sehr penetrant toll zu finden scheint. Sie leidet sehr darunter, diese nur mit großer Anstrengung verdrängen zu können und hat permanent Angst, irgendwann den Kampf gegen sich selbst zu verlieren und jemandem etwas anzutun. Um ruhiger zu werden, meditiert Nao im buddhistischen Zentrum. Durch diesen Aspekt bekommt die Geschichte einen sehr spirituellen Touch, der aber nicht überhand nimmt und nicht als Allheilmittel dargestellt wird.

Die menschliche Psyche ist ein filigranes und verworrenes Ding, daher weiß ich nicht, ob andere Leser es genauso sehen, aber mir hat „Nao“ einen unglaublich bedrückenden Einblick in die Psyche eines anderen Menschen gewährt. Uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die versuchen möchten, sich in jemanden mit solch einer Störung hineinzuversetzen! :)

Ach ja, die Zeichnungen!

Wer sich den Zeichenstil genauer anschauen möchte, findet bei Egmont übrigens sogar eine Leseprobe. Leider ist es eine sehr zufällige Seitenauswahl, also storytechnisch wird euch das nicht aus der Verwirrung helfen, aber für den Stil reicht es auf alle Fälle. ;) Zusätzlich zur Nao-Geschichte, gibt es übrigens auch noch eine nett gezeichnete Nebenstory, die sehr märchenhaft daherkommt und wahrscheinlich als Metapher für irgendwas gilt. Da ich es mit solchen indirekten Aussagen nicht so habe und nicht behaupten möchte, darin den einzig wahren Sinn erkannt zu haben, überlasse ich es euch, die Story um den gutherzigen Pictor zu entschlüsseln. ^^

Das war ein etwas anderes Review als sonst, aber ich war von dem Comic wirklich begeistert. „Das Nao in Brown“ hat wohl sogar den British Comic Award 2013 gewonnen, also kann ich nicht die einzige gewesen sein. ;) Falls übrigens jemand von euch mehr Ahnung hat als ich und weiß, ob es Naos Störung so überhaupt gibt und falls ja, wie sie heißt, dann wäre ich euch echt dankbar, wenn ihr kurz einen Kommentar da lassen könntet! Vielleicht hab ich auch einfach den Comic oder das Vorwort zu unaufmerksam gelesen, dann dürft ihr mir das natürlich auch an den Kopf werfen. :)

Ich hoffe ihr seid mit euch mehr im Reinen als Nao und wünsch euch einen unaggressiven und entspannten Weg ins Wochenende!
Eure 0utofjoint =)

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