Was denken eigentlich die anderen?

Man soll ja nicht permanent darüber nachdenken, was andere Menschen über einen denken. Aber tun wir das nicht trotzdem alle? Und wieso tun wir das eigentlich alle? Ich glaube ich bin ein Mensch, der einfach so macht, wie er denkt und dem es relativ egal ist, was die anderen davon halten. Aber eben nur relativ. Denn das gilt bei Weitem nicht für alles und auch nicht in allen Situationen. Dass ich eben nicht so hardcore „Look at all those fucks I give!“ drauf bin, ist mir in letzter Zeit vor allem beim Bahnfahren aufgefallen. Ja, in der Bahn! Da wird man nämlich mit diversesten Menschentypen konfrontiert, hat JAHRE Zeit, um nachzudenken, wenn die Bahn doch mal wieder nicht kommt und man muss wohlmöglich noch mit diesen Menschen interagieren! Wäh! Also wenn sich eine Omi in der Wartezeit am Bahnsteig auf den Platz neben dir setzen möchte und vorwurfsvoll auf die Asia-Nudelbox guckt, die dort jemand anders hat liegen lassen … was tust du dann? Also ich habe die Box weggeworfen, mein Unterbewusstsein konnte es sich aber nicht verkneifen, noch „Die is ja eigentlich nich von mir, aber okay …“ zu murmeln. Obwohl es mir ja völlig egal sein könnte, ob die Dame denkt, dass ich meine leeren Nudelboxen neben mir ablege. Aber nein, man will ja nicht, dass man für unordentlich gehalten wird.

Aber vermutlich war ich nur nervös, weil ich gerade „Ein irrer Flitzer“ lesen wollte und mir spontan sehr bewusst wurde, dass auf dem Cover ja ein nackter Kerl mit einem Zensurbalken zwischen den Beinen zu sehen ist. Den Manga möglichst weit aufzuschlagen, bringt dabei leider auch nichts, denn innendrin rennt der Depp ja auch die Hälfte der Zeit nackt rum. Das heißt, wenn ich die ohnehin schon kritisch guckende Omi nicht noch weiter schockieren und ihren Glauben in die nächsten 34 Generationen zerstören wollte, dann hätte ich ja eigentlich den Manga wegpacken müssen, oder? Oder war es mir vielleicht doch peinlich, dass auf der anderen Seite ein seriös aussehender Geschäftsmann saß, dem man keine Liebe zu japanischen Comics unterstellen würde und der mich deswegen garantiert sofort als pervers abstempeln würde, wenn ich gezeichnete nackte Männer anschaue und dabei grinse wie doof, weil der Manga lustig ist?

Was soll’n denn die Leute denken? O_O

Ein Satz, den ich hasse. Wirklich. Noch schlimmer ist nur „Was sollen denn die Nachbarn denken?“. ;) Warum ist es uns wichtig, was die Leute von uns denken? Nun, ich glaube es gibt verschiedene Gründe dafür. Im Falle der Omi ist es so ähnlich, wie damals als ich in der Straßenbahn den sehr expliziten Manga „In These Words“ aufgeschlagen – und direkt mal auf einen Penis gestarrt habe. Ihr glaubt gar nicht, wie schnell man einen Manga wieder zuklappen und unauffällig einstecken kann. :D Denn um mich rum waren auch Familien mit Kindern und auch wenn ich es jetzt prinzipiell nicht schlimm fände, wenn Kinder nackte Menschen sehen – Vergewaltigungsszenen und andere Dinge, die den Manga zu einem „Ab 18“-Werk machen, müssen nun wirklich nicht sein. :)

Ähnliches gilt aber auch für andere Yaoi oder Sex beinhaltende Mangas: Wenn man die in der Bahn liest, dann ist das nicht schlimm, aber es kann vielen Leuten um einen herum unangenehm sein. Einfach weil die vielleicht nichtsahnend und gelangweilt die Menschen um sich herum studieren und plötzlich: SEX! Nicht jeder möchte Bildchen davon auf dem Weg zur Arbeit sehen und garantiert möchte nicht jeder den Rest des Tages unter Kopfkino-Anfällen leiden, weil er oder sie nachgrübeln muss, warum zum Teufel ihr so etwas lest und ob ihr das erotisch findet und und und überhaupt. ;_;

Klar kann man argumentieren, dass mir das nur peinlich ist und ich mich selbst einschränke, wenn ich nicht alles lese, was ich gerne möchte, nur weil andere vielleicht nichts damit anfangen können. Aber versetzt euch doch einmal in die Lage der unfreiwillig bekopfkinoten Menschen. Ich finde es zum Beispiel genauso verstörend, wenn ich morgens in der Bahn Frauen sehe, die „50 Shades of Grey“ lesen. Da denke ich dann immer: „Are you fucking kidding me? Das ist ein Erotikbuch, warum liest man das in der Bahn? Auf dem Weg zur Arbeit?!“ Von daher ist es bei mir eher 1/3 peinlich berührt sein und 2/3 Rücksichtnahme, wenn ich bei extremen Fanservice-Momenten in meinen Mangas (also wenn nur noch Brüste das Bild füllen oder man unter den Rock schaut etc.) den armen missverstandenen Manga doch etwas vom Rest der Bahn wegdrehe und Stories, bei denen ich weiß, dass sie über längere Strecken explizit werden, dann doch lieber zuhause lese.

So lass ich dich nicht aus dem Haus!

Ein weiterer Grund, warum man darauf achtet, was andere Menschen von einem denken ist natürlich folgender: Man hat Angst vor deren Reaktionen. Denn je nachdem, wie wir uns geben, dementsprechend reagieren andere Menschen auf uns. Die kennen uns ja nicht zwangsweise und wissen deswegen nicht, dass wir eigentlich total awesome sind. Ich komme wieder auf meine Reiseerkenntnisse zurück und muss feststellen: Es war ja so eine lehrreiche Bahnfahrt dieses Mal. :D Bei meiner Rückfahrt musste ich irgendwie das Halloweenkostüm heimtransportieren, das ich am Tag vorher bei meinen Eltern eingepackt und auf der Party abends angezogen hatte. Zu diesem Kostüm gehörten allerdings auch Stiefel, die ich bis dahin bei meinen Eltern gelagert hatte. Und jetzt nicht irgendwelche flauschigen Winterstiefelchen, sondern schwarze 20-Loch Springerstiefel. Es soll ja zum schwarzen, bösen Halloweenkostüm passen. XD Jedenfalls kann man die als Frau eigentlich nur zu Röcken tragen. Leider war es kalt und ich hatte natürlich verpeilt mehr als eine Strumpfhose mitzunehmen. Die andere Strumpfhose wurde während der Party mit Kunstblut und Schminke eingesaut. Alternativ die Stiefel in die Reisetasche zu tun, wäre aufgrund von akutem Platzmangel nicht gegangen und dann wäre mir auch die Schulter durchgebrochen. ^^ Ich stand also vor der Wahl: Dreckige Klamotten, die zu den Stiefeln passen oder helle Jeans mit schwarzen Springerstiefeln. Fuck. Ich weiß, ein unglaublich schlimmes Dilemma/Frauenproblem. :D

Normalerweise stört mich ja nicht, was die Leute von meinem Kleidungsstil halten. Hauptsächlich deswegen, weil ich einfach zu faul für die meisten Stilarten bin. :D Aber woran denken alle bei Jeans und Springerstiefeln? Genaaaaaaau, an Neonazis. Ich bin zwar (in diesem Fall glücklicherweise) klein, niedlich, weiblich und vollkommen harmlos (oder so ähnlich :D), aber glaubt mir, ich war trotzdem sehr befangen auf dieser Bahnfahrt. Denn auch wenn ich dank der lustigen „Höhö, sieht schon so’n bisschen nach Nazi aus!“-Verabschiedung des Gastgebers für das Thema sensibilisiert war, habe ich mir folgendes nicht eingebildet: Im Zug hat wirklich jeder, an dem ich vorbeilief, sehr genau auf diese klobigen Stiefel geguckt. Ich dachte mir immer „Hoffentlich denken die grade nur, dass das kacke aussieht und nicht, dass ich jetzt den netten südländisch aussehenden Onkel da hinten anpöbeln möchte.“ Was natürlich völliger Schwachsinn ist, weil die meisten Leute sicher nicht so oberflächlich urteilen. Trotzdem hatte ich die ganze Zeit ein weeeenig Angst, dass irgendjemand unfreundlich zu mir sein könnte. Im Endeffekt spielt hier zwar auch wieder das Peinlichkeitsempfinden mit, aber auf einer viel schwerwiegenderen Ebene als „Hupsi, da sind gezeichnete Brüste zu sehen“.

Zusätzlich durfte ich hier aber abgeschwächt das erleben, was Menschen mitmachen müssen, die sich irgendwie äußerlich einem Klischee zuordnen lassen, weil sie eine bestimmte Hautfarbe haben, ihre religiöse Zugehörigkeit anhand irgendwelcher Accessoires ablesbar ist oder sie mit Mutti am Handy eine Fremdsprache sprechen. Denn viele Menschen, die man äußerlich einer gewissen Gruppe zuordnen kann, sind permanent angespannt und auf der Hut, um bloß nichts zu machen, was das Klischeedenken der anderen bestätigt. Genauso wie zum Beispiel ein großer, muskulöser Kerl, der nachts alleine mit einer Frau U-Bahn fährt, oft alles tun wird, um möglichst unbedrohlich zu wirken, habe ich die ganze Zeit Angst gehabt, aus Versehen irgendjemanden ungeschickterweise mit einer meiner 894 unhandlichen Taschen zu hauen, der irgendwie „ausländisch“ aussieht, weil dann wiederum jemand denken könnte, das wäre Absicht gewesen. Bescheuert, oder?

Sign posted in a german Subway

Klischees, Clichés, Klischeeeeeeeeees

Versucht man zu vermeiden, einem Klischee zu entsprechen, dann geschieht das oft aus Angst davor, dass man von anderen danach weniger ernst genommen wird oder sogar mit negativen (tätlichen) Reaktionen rechnen muss. Nehmen wir an der zwei Meter große Kerl von eben steigt gleichzeitig mit der nervösen Frau aus der U-Bahn. Die hat kurz vorher gehört, dass genau an dieser Haltestelle neulich ein Verbrechen stattfand. Im schlechtesten Fall könnte unser Hüne jetzt bereits Pfefferspray ins Gesicht bekommen, wenn er die Frau höflich anspricht, um ihr mitzuteilen, dass sie ihre Geldbörse verloren hat. In einer anderen Situation wäre die Dame ihm dafür vielleicht endlos dankbar gewesen, doch in diesem Moment (alleine, nachts und in einer angeblich gefährlichen Gegend) überwiegt eventuell doch die Angst und somit das Klischeedenken. Natürlich ist eine Situation, in der man Angst hat, verletzt zu werden, eine andere als alltägliches: „Haha! Guck mal, typisch Klischee XYZ!“ Die zu schnelle Vorverurteilung bleibt dabei aber die gleiche.

Niemand ist nur ein Klischee, jeder ist eine eigenständige Persönlichkeit. Also zumindest die meisten Leute, bei manchen bin ich mir da nicht ganz sicher … -.- Selbst wenn jemand zu 90 % Verhaltensweisen an den Tag legt, die einem Klischee entsprechen, heißt das nicht, dass dieser jemand sich nur so verhält, weil wandelnde Klischees das eben so machen. Da trotz Google Glass noch keine Statusbalken über unseren Köpfen schweben, wisst ihr auch nicht, zu wieviel Prozent jemand eurem Klischee entspricht. Deswegen solltet ihr erst recht nicht davon ausgehen, dass er oder sie irgendwie in eure Vorstellung von XYZ passt. Ein Beispiel: Ich könnte mir vorstellen, dass viele homosexuelle Männer es eher unlustig finden, wenn man ihnen sagt, dass sie ja bestimmt gerne shoppen gehen, weil sie schwul sind. Es gibt sicher einige, die gerne shoppen gehen. Aber die Schlussfolgerung „schwul = shopping“ anhand von zwei Beispielen zu belegen, die euch letzten Samstag beim Einkaufen begegnet sind und die These dann auf mehrere tausend euch unbekannte Exemplare anzuwenden, die nur eine Eigenschaft mit euren Testexemplaren gemeinsam haben … also das ist eine sehr unwissenschaftliche Methode. :P

Geht es um Schlussfolgerungen, die auf Klischees basieren, können selbst unbedachte und eigentlich positiv gemeinte Äußerungen sehr stressig sein. Ich habe zum Beispiel mal gehört, wie sich jemand über den Satz „Du bist schwul? Voll cool, ich wollte schon immer mal nen schwulen besten Freund haben!“ aufgeregt hat. Denn so eine Aussage reduziert „Freundschaft“ ganz klar auf „du hast eine Eigenschaft, die dich angeblich zum idealen Accessoire für mich machen wird, super!“ und das vermutlich nicht einmal mit böser Absicht, sondern nur durch Hirn aus. An dieser Stelle kann ich also nur darauf hinweisen, dass wir uns alle immer wieder in die Situation unseres Gegenübers versetzen sollten, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und uns zu fragen, ob wir den Satz „Hey cool, ich wollte schon immer mal ne hetero beste Freundin haben!“ nicht vielleicht auch seltsam fänden und mit einem gequälten „Äh … danke?“ quittieren würden.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, in Zukunft noch abgehärteter zu werden, was dieses Denken angeht. Erstens werde ich zwar nicht meine Gedanken zensieren, aber vielleicht noch ein wenig öfter darüber nachdenken, ob ich jetzt jemandem eine gewisse Eigenschaft unterstelle, von der ich gar nicht wissen kann, ob er oder sie diese hat. Klischees sind zwar praktisch, um einen Überblick über Menschengruppen zu behalten, weil man so sehr schnell vermeintlich interessante von langweiligen Personen bzw. Bedrohungen von harmlosen Nupsis trennen kann, aber die ideale Art auf andere Menschen zuzugehen sind sie natürlich trotzdem nicht. Eben weil sie so oft nicht zutreffen. Daher versucht ab und zu mal eure innere Antwort auf „Was soll ich denn bloß von dieser Person denken?!“ zu ignorieren, wenn ihr Leute mit komischen Klamotten, komischem Akzent oder komischem irgendwas seht. ;)

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Eine sehr schöne Lebensphilosophie ^^

Zweitens werde ich mir, sobald ich mich bei dem Gedanken „Was sollen denn die anderen bloß denken?!“ ertappe, ab sofort immer folgende Frage stellen: Mache ich das aus Rücksicht auf die anderen oder weil ich Angst habe, dass die anderen mich dann für doof halten? Lautet die Antwort „Rücksichtnahme“, ist es sinnvoll weiter drüber nachzudenken, bei „doof“ werde ich in Zukunft einfach davon ausgehen, dass es mir egal sein kann, wofür mich andere Leute halten. Ausgenommen vielleicht wenn „doof“ gleichzusetzen ist mit „verprügelnswert“, aber ich hoffe doch mal, dass ich fürs Manga lesen nicht mit Haue rechnen muss. :D Tja, vielleicht bekommen meine armen Springerstiefel diesen Winter ja sogar einen besseren Ruf, weil ich sie dauernd aus Kältegründen anziehe und sich die Leute an ihren Anblick gewöhnen. Das wäre doch mal was neues, wenn sich die modebewussten Naserümpfer um einen herum an der Philosophie „Das is bequem, das zieh ich jetzt an!“ nicht mehr stören würden. ;)

So, jetzt hab ich aber wieder alles von Vorurteilen über Kleidungsstil bis hin zu diversen Aspekten des Bahnfahrens abgehandelt. In einem viel zu langen, dafür aber hoffentlich nicht völlig inkoherenten Text. Ich hoffe ihr verzeiht mir. Es sollte statt der Kommentarfunktion vielleicht eine Kürzungsfunktion für überflüssiges Gefasel geben, wie wär das? :D

Eine ungestresste Woche mit möglichst wenigen Selbstzweifeln, Klischees und viel Flausch wünscht euch
eure 0utofjoint =)

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5 Kommentare

  1. Wow, der Text war ja mal cool! Und ja ich sage cool, weil ich damit Deine Coolness meine :D ich hatte das Gefühl da steht jemand vor mir, der redet und redet und redet und nicht aufhören kann :) aber das war das Schöne. Und wie viele Themen du auch angesprochen hast, das hätte ich in einem Absatz niemals auf die Reihe gebracht. ;)
    LG

    Gefällt 2 Personen

    1. :D Oh, wie lieb, Dankeschön! Jetzt grinse ich die nächsten 3 Stunden :) Ich kam mir selbst sehr dahinlabernd vor und fand alles irgendwie wichtig, also freut’s mich sehr, wenn du den ganzen Themensprüngen folgen konntest und dir das Gelaber sogar Spaß gemacht hat! ^-^

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