Was will uns diese Graphic Novel sagen? – Review „Fun Home“

Nachdem ich irgendwo (leider keine Ahnung mehr wo genau) ein Review zu dieser Graphic Novel gelesen hatte und Lesestoff für diverse Zugfahrten brauchte, habe ich spontan „Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten“ von Alison Bechdel mitgenommen. Typisch für mein exzellentes Gedächtnis hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder vergessen, worum es in der Graphic Novel geht und habe mir auch nicht die Mühe gemacht, dieses Rätsel mithilfe des Klappentextes aufzulösen. Warum auch? Planlos is doch viel lustiger. :D Bedauerlicherweise ist die Graphic Novel trotz des irgendwie sympathisch dummen Wortwitzes im Untertitel (Hut ab für den Übersetzer! ^^) alles andere als leichte Kost. „Fun Home“ steht nämlich keineswegs für „Fun“, sondern ist die fast schon absurd wirkende familieninterne Abkürzung für „Funeral Home“, also für „Bestattungsunternehmen“. In einem solchen arbeitet nämlich der Vater des Hauptcharakters und dort spielte sich ein großer Teil von Alisons Kindheit ab. Die ganze Graphic Novel ist eine Art grafische Aufarbeitung von Alisons Kindheit. Also quasi eine AutobioGraphic Novel … ich sollte das mit den Witzen lassen. o.O

Fun Home - Eine Familie von Gezeichneten; Alison Bechdel; Carlsen Verlag

Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten; Alison Bechdel; Carlsen Verlag

Genderbending für Fortgeschrittene

Ich habe am Anfang übrigens bewusst „Vater des Hauptcharakters“ und nicht „des Mädchens Alison“ geschrieben, denn auch wenn auf dem Klappentext von einer jungen Frau gesprochen wird, so fand ich es besonders beeindruckend, wie androgyn Alison sich selbst zeichnet. Denn bereits als Kind war sie ein „tomboy“, also ein sehr unmädchenhaftes Mädchen. Im Deutschen gibt es leider nur den Begriff „burschikos“ dafür, den ich ziemlich bescheuert und altbacken finde. Allerhöchstens „Flintenweib“ gibt einem eine Ahnung davon, was gemeint ist, auch wenn der Ausdruck eher negativ wirkt. ^^ Alison Bechdel hat es jedenfalls geschafft, mich stellenweise daran zweifeln zu lassen, ob „Alison“ wirklich ein Mädchen ist. Und da diese Auseinandersetzung mit „weiblich“ und „männlich“ ein elementarer Bestandteil ihrer eigenen Geschichte ist, ist allein das doch schon eine Kunst, oder?

Doch worum geht es denn nun in „Fun Home“? Ganz einfach, um Alisons Familiengeschichte. Okay, es ist nicht ganz so einfach, denn den größten Teil der Graphic Novel über hatte ich keine Ahnung, worauf die Autorin nun eigentlich hinaus will. Sie erzählt von ihrer Kindheit, Jugend und den jungen Erwachsenenjahren und immer steht im Mittelpunkt der Vater. Alisons Vater, bei dem sie selbst nicht weiß, wie er zu seinen Kindern steht und der auch auf den Leser wenig durchschaubar wirkt. Soll man ihn mögen oder hassen? Schadet er der Familie oder tut er was er kann? Ist er egoistisch oder kann er nur seine Gefühle nicht richtig ausdrücken? Und dann noch die Sache mit der Weiblichkeit. Alisons Vater hätte gerne, dass sie femininer wirkt – während Alison sich sehnlich wünscht, er sei maskuliner und würde sich nicht für Raumdeko interessieren. Tjaja, so is das mit den unterschiedlichen Vorstellungen einzelner Familienmitglieder. Auch wenn Alison Bechdel einen gewissen Galgenhumor beweist (oder ist es doch Zynismus?), bleiben viele Abschnitte von „Fun Home“, in denen sie sich mit Teilen ihrer Kindheit beschäftigt, ziemlich ernst und haben mich nachdenklich gestimmt.

Der Literaturhammer

Die Familie Bechdel ist sehr belesen und so werden auch in der Graphic Novel sehr häufig Klassiker der Weltliteratur angesprochen und diskutiert – von denen ich ungefähr ein Buch kannte. Ich fühlte mich also ein wenig minderbemittelt, vor allem weil diverse Andeutungen, die durch literarische Themen in Buch XY gemacht wurden, meilenweit über mich hinweggeflogen wären, hätte die Autorin sich nicht die Mühe gemacht, die Texte und Themen jeweils ein wenig zu erläutern. Dennoch sind mir vermutlich eine Milliarde Interpretationen aller möglichen Situationen entgangen, einfach weil ich nie Marcel Proust oder Albert Camus gelesen habe. Falls ihr euch für die Graphic Novel interessiert, habe ich euch hier mal die Fun-Home-Literaturliste der zitierten Bücher abfotografiert, damit ihr euch schon mal einlesen könnt. ;)

Die in "Fun Home" zitierten Bücher. Erwähnte Bücher gibt es glaube ich noch eine Menge mehr. Diese Literaten immer ... o.o

Die in „Fun Home“ zitierten Bücher. Erwähnte Bücher gibt es glaube ich noch eine Menge mehr. Immer diese Literaten … o.o

Die eigene Familie wird man nicht los.

Tja, als ich „Fun Home“ schließlich vollständig gelesen hatte, fand ich es gut. Allerdings hatte ich immer noch das Gefühl, nur einen Bruchteil dessen verstanden zu haben, was ich hätte verstehen sollen. Anders betrachtet: Ich wusste immer noch nicht, was mir die Autorin sagen möchte. Vielleicht liegt das aber auch einfach daran, dass eine Autobiographie nicht unbedingt eine Kernaussage hat, sondern einfach die Realität subjektiv widerspiegelt. Da mich diese Planlosigkeit aber mit einem leicht faden Beigeschmack zurückgelassen hat, kann ich nun keine klare Empfehlung für Fun Home aussprechen.

Solltet ihr euch für außergewöhnliche Familiengeschichten interessieren, Literaturliebhaber sein oder einfach Lust haben, ins Grübeln zu geraten, dann könnte die Graphic Novel etwas für euch sein. Vor allem, wenn ihr euch gerne mal die Frage stellen wollt, wie sehr euch eure Eltern und das Verhältnis zu ihnen beeinflussen und ob man sich jemals von seinen Eltern wirklich abkappen kann. Denn in ihrer Graphic Novel beschäftigt sich Alison Bechdel immer wieder mit dem Verhältnis zu ihren Eltern und während der Erzählung kommt sie niemals vollkommen davon los. Sucht ihr allerdings nur lustige Unterhaltung, ohne schwerwiegende Themen, würde ich euch von dem stellenweise eher zynischen Werk abraten. Wer sich zunächst einmal für den Zeichenstil in schwarz, weiß und bläulichen Schattierungen interessiert, findet hier eine Leseprobe beim Carlsen Verlag.

Falls ihr „Fun Home“ kennt, würde mich natürlich auch eure Meinung dazu interessieren. Was haltet ihr überhaupt von der Idee, die eigenen Erfahrungen mithilfe einer Graphic Novel (oder eines Comics oder eines Buchs) zu verarbeiten? Kommen dabei eher Geschichten raus, die nur dem Autor etwas bringen oder denkt ihr, dass viele großartige Geschichten gerade dadurch entstanden sind, dass die Autoren damit etwas persönliches verarbeiten wollten? Also ich hab ja meinen Blog für sowas. ;) Aber würdet ihr eure privaten Erlebnisse und Traumata so öffentlich verarbeiten wollen, wie das Alison Bechdel getan hat? Oder vielleicht unter Pseudonym? Fragen über Fragen! Ich hoffe dieses Review war nicht zu ernst, aber bei dieser Graphic Novel fiel mir das Rumgealbere ein wenig schwer und das obwohl  :)

Einen wunderschönen ersten Januar mit möglichst wenigen familiären Problemen (watt eine Neujahrsbegrüßung) wünscht euch
eure 0utofjoint =)

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6 Kommentare

    1. :O du hast Recht! Das is DIE Bechdel! Is mir gar nich in den Sinn gekommen und muss ich direkt nachher mal nachtragen :)
      Ich finde es auch sehr krass und sehr persönlich. So viel würde ich auch nicht von mir preisgeben wollen. Aber manchmal hat man (oder haben manche Leute) glaube ich einfach das Gefühl sich eine Sache nicht anders von der Seele „reden“ zu können. Aber Alison Bechdel is da vielleicht ein Extremfall, denn sie hat in einem anderen Comic („Are you my Mother?“) sogar psychotherapeutische Sitzungen verarbeitet (sagt Wiki^^). Dennoch muss ich gestehen, dass ich es als Außenstehender interessant finde. :)

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      1. DIE Bechdel? Unglaublich, sie ist es wirklich XD Habe nämlich irgendwo mal gelesen, dass die Comiczeichnerin ist oder sowas und als ich angefangen habe deinen Artikel zu lesen, dachte ich nur „Das wäre ja jetzt ein schöner Zufall …“
        Olala — therapeutische Sitzungen. -_-
        Interessant finde ich es auch – das ist sowas typisch voyeuristisches, was viele Personen (mich eingeschlossen) an sich haben. Wie sind andere aufgewachsen? Wie verarbeiten andere Sachen aus ihrem Leben? Aber selber machen? Mh … neeeeeee. :D Aber wer solls uns vorwerfen? :) Wenn sie halt darüber schreiben will… :)

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        1. Ja, ich hatte den Namen gar nicht mehr im Kopf, ich hab doch kein Gedächtnis. ^^ Aber passt ja, sie beschäftigt sich ja auch mit männlichen und weiblichen Rollenbildern. Also irgendwie so.
          Ich glaube wir vergleichen uns einfach sehr sehr gerne und mögen deswegen manchmal auch solche Seelenstriptease-Sachen. Wobei es ja nochmal nen Unterschied macht, ob die aus Aufmerksamkeitsgeheische oder seelischer Kaputtheit oder wirklich bewusst gemacht werden, weil man damit was verarbeiten oder der Welt etwas mitteilen will. (Wir sind doch bloß nicht so eitel uns in den Mittelpunkt zu stellen *hüstel* O;))

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