#JeSuisCharlie – oder nicht?

Ich konnte mich zwei Tage lang nicht dazu überwinden über das Thema zu bloggen, weil ich selbst nicht wusste, was ich davon halte. Deswegen dachte ich mir (sicher total sinnvoll), ich kläre mal meine Gedanken, indem ich wie jeder zweite im Moment auch über Charlie Hebdo schreibe. Vielleicht interessiert es euch ja, was eine Journalistin über das Thema denkt.

Für alle die wider Erwarten noch nicht mit dem Thema konfrontiert wurden: In Paris wurde am Mittwoch (7.1.) die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ überfallen und 12 Menschen ermordet. Die Mörder flohen und nahmen danach Geiseln, wurden allerdings im Laufe des Freitags  Ihre Motivation war der Glaube, dass Karikaturen von Mohammed mit dem Tod bestraft werden sollten.

Ich habe die Nachricht auf der Arbeit bei Twitter gesehen, habe mich aus der Diskussion bisher aber völlig herausgehalten. Was einerseits daran liegt, dass das Thema so komplex und schwierig ist und ich mir nicht anmaßen möchte, da pauschale Aussagen drüber zu treffen und andererseits daran, dass es mich zunächst völlig kalt gelassen hat. Erschreckend, denn ich finde keineswegs, dass die Tat irgenwie gerechtfertigt oder gut gewesen wäre. Also bitte nicht falsch verstehen! Die Opfer haben meine Hochachtung und die Angehörigen tun mir natürlich leid. Aber eben auf eine sehr rationale Art und Weise. Manchmal glaube ich, dass ich schon zu oft von irgendwelchen Anschlägen gelesen oder von zu viele Drohungen von radikalen Fundamentalisten gehört habe – seien es überdrehte „Femnazis“, frauenfeindliche Menschen oder schlicht das Klischee vom durchgeknallten und wortwörtlich an eine Buchvorlage glaubenden Extremgläubigen, egal welcher Ausrichtung.

Glaube ist nicht gleich Glaube?

So ziemlich alle abstrakten Begriffe können für jeden von uns etwas vollkommen anderes bedeuten. Versucht mal Humor zu definieren, dann seht ihr was ich meine. Ebenso steht das Wort „Religion“ für manche für den ödesten Unterricht der Welt gleich nach Physik, in dem man Sagengeschichten über imaginäre Menschen und deren Wohltaten auswendig lernen soll. Für andere ist es gleichbedeutend mit Sinn, Halt und der Richtung, die sie ihrem Leben geben möchten. Für wieder andere bedeutet es, dass es nur einen korrekten Weg gibt, dieses Leben zu verbringen und wenn dein Weg zufälligerweise nicht meinem Weg entspricht, dann muss ich dich bekämpfen. Glauben ist ohnehin eine der besten Ausreden, um Kämpfe zu beginnen. In meinen zynischeren Momenten kommt mir oft der Gedanke, dass Menschen gar nicht dafür gemacht sind, dauerhaft in Frieden zu leben. Nicht zwangsweise, weil ihnen dann langweilig wird (sooo zynisch bin ich dann doch sehr selten), sondern weil es immer Idioten gibt, die Spaß daran haben, andere Leute umzubringen. Gleichzeitig ist es eine unglaublich tolle Sache (nehme ich an), wenn man diese Motivation zur Gewalt mithilfe von dubiosen „Glaubenskriegen“ rechtfertigen kann.

Stellt euch vor, ihr seid aggro und möchtet das an etwas auslassen. Es reicht aber nicht, einfach eine Runde zu zocken oder die Wohnung zu putzen oder Euer Nachbar wäre ein ideales Ziel, denn ihr mögt ihn nicht besonders, weil euch seine Art nicht passt und sowieso, der hat sein Haus malvenfarben gestrichen, wer tut denn so etwas?? Plötzlich hört ihr davon, dass es eine neue Bewegung in der Stadt gibt. Da ihr ohnehin noch nicht so wirklich einen Lebenssinn gefunden habt, geht ihr einfach mal zum ersten Treffen. Als ihr euch dort informiert, erfahrt ihr, dass diese Bewegung zufälligerweise der Grundsatz herrscht, niemals malvenfarbene Kleidung zu tragen, weil das nur der Gründer der Bewegung darf. Tätärääää, schon habt ihr einen Grund, mit dem Bulldozer in das Haus eures ahnungslosen Nachbarn zu brettern, weil der ja den Anführer eurer neuen Lieblingsbewegung beleidigt hat. Ob das den Anführer überhaupt interessiert hätte, ob er selbst das „Gebot“ aufgestellt hat, dass Malvenfarbisten Abtrünnige sind: Who knows? Und: Interessiert es dich, solange du ein Ventil für deine Wut hast, für das du dich auch noch oberflächlich rechtfertigen kannst, „Malveus sei dank“?

Ich glaube (Wortwitz unbeabsichtigt) einfach, dass Religion von Menschen, die andere im Namen eines Gottes töten, in gewisser Weise schlicht als Ausrede verwendet wird. Sie ist nur das Mittel zum Zweck, um sich über andere zu stellen und dem eigenen Leben einen möglichst krassen Sinn zu geben, bei dem man sich selbst als Held sehen kann. Dass junge Muslime teilweise gerade durch äußere Umstände in radikale Strömungen geschoben werden, bestreite ich nicht, diese sind jedoch auch wieder sehr komplex und meine völlig überspitzte Darstellung, soll auch keineswegs den Weg eines radikalen Islamisten oder Attentäters darstellen. Sondern nur prinzipiell meine ab und zu aufkeimende Ratlosigkeit, wenn ich darüber nachdenke, wie die Welt eigentlich so drauf ist …

Kollateralschäden beim „Kampf gegen den Terror“?

Ich habe keine Ahnung vom Koran und dessen Inhalt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das oberste Gebot nicht „Oh, yeah, schlagt euch alle die Köpfe ein!“ lautet und einem das Abschlachten Unschuldiger sicher keine Bonuspunkte einbringt. Mit Unschuldigen meine ich in diesem Fall zum Beispiel auch den erschossenen muslimischen Polizisten, der einfach nur seine Pflicht erfüllt hat. Eine Tat, die ebenso einen Hashtag zugewiesen bekam, mit der die Trauer verarbeitet und Solidarität gezeigt werden soll: #JeSuisAhmed. Ich erspare euch jetzt mal weiteres Gefasel über Religion, da wie gesagt, meine Kenntnisse mehr als lückenhaft sind und man vermutlich in jedem langen Text Belege für fast alles finden kann, wenn man nur lange genug danach sucht.

Ein weiteres Problem nach dem Anschlag wird allerdings sein, dass viele Menschen, die zufällig Muslime sind oder einfach nur irgendwie „arabisch“ aussehen, nun vermutlich mal wieder die Wut über eine terroristische Tat ausbaden müssen. Eventuell gab es bereits einige (glücklicherweise erfolglose) Gegenanschläge. Die Chefin der französischen rechten Partei Front National, Marine Le Pen, hat auch bereits die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen war da doch direkter. Der vorherige Chef der rechtsextemististen Partei sagte, dass er zwar die Tode bedauere, aber da Charlie Hebdo leider leider auch auf rechte Idioten, Verzeihung, auch auf Parteien nationalistischer Gesinnung eingedroschen hat, waren die sich wohl nicht so ganz grün. Deswegen sagte Jean-Marie Le Pen „Je ne suis pas Charlie“, also „Ich bin nicht Charlie.“

In diesem bzw. im Gegensinne:

Kaum wurde die schreckliche Tat bekannt, erklärten bereits Tausende Menschen ihre Solidarität mit dem Magazin und den Angehörigen der Opfer. Viele davon, indem sie den entsprechenden Hashtag verwendeten: der Hashtag „JeSuisCharlie“ also „IchBinCharlie“ wurde innerhalb von weniger als einer Woche in über 4 Millionen Tweets (4.083.887 am Abend des 10.1.2015) rund um die Welt gesendet. Wie die Verteilung der Tweets aussieht, hat sich das amerikanische Nachrichtenmagazin CNN mal mithilfe von Geotagging angeschaut und ein ganz nettes Video dazu gemacht.

Es gibt sicher schlimmere Anschläge, wenn man nach der Zahl der Opfer geht. Doch abgesehen davon, dass jeder Tod schlimm ist und eine Skala der Grausamkeit eher seltsam wäre, war der größte Schock für die Öffentlichkeit und vor allem für die Medien der Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Comiczeichner weltweit fühlten sich zu Recht ebenfalls betroffen, denn gerade in Comics wird doch so oft Kritik geübt, die in Texten viel zu verschwurbelt daher kommt. Ebenso zeigte sich „die Presse“ schockiert und teilte fleißig mit, wo sich die Attentäter aufhalten könnten und twitterten den Hashtag zum „Event“ weiter.

Mit dieser spontanen Solidarisierung fast aller größeren Medien und Parteien habe ich allerdings so meine Probleme. (Und nicht nur ich, denn auch taz-Kommentatoren regen sich über die Verschmelzung aller mit einem gewissen Charlie auf.) Denn mir persönlich war der Titel der Zeitschrift vorher kein Begriff. Ebenso wenig habe ich deren Comics verfolgt oder könnte behaupten, dass ich die nun bei Twitter geteilten lustig fände. Selbstverständlich ist es ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung, wenn jemand Zeichner und Redakteure abknallt und gerade als Journalist will man so etwas nicht hinnehmen. Aber so zu tun als wäre man immer best buddies mit einer Zeitschrift gewesen, deren Inhalte man gar nicht kennt oder die man vielleicht als zu extrem und beleidigend anstelle von lustig empfinden würde, wenn man sich die denn vorher mal angeschaut hätte … also das wirkt auf mich doch etwas scheinheilig.

Ich habe einigen Respekt vor den Leuten von Charlie Hebdo, denn es erfordert Mut, deren Arbeit nachzugehen. Permanent Menschen zu provozieren, indem man auf Dinge hinweist, die andere mit größter Hochachtung betrachten und bei denen sie leider viel zu oft keinen Spaß verstehen und sich persönlich angegriffen fühlen, joa, klingt stressig. Oder wie viele von uns gehen mit Polizeischutz zur Arbeit, weil sie regelmäßig Morddrohungen bekommen?** Doch genau da kommen wir an den Punkt, der mich ärgert.

Die Mitarbeiter des Satiremagazins haben meinen Respekt, doch wie viele der unzähligen anderen Magazine und Zeitungen haben denn überhaupt eine Ahnung, was ebenjene Mitarbeiter alltäglich gemacht haben? Wie viele müssen selbst für ihren Schreibtischjob Mut beweisen? Gerade die FAZ möchte ich an dieser Stelle noch einmal negativ hervorheben, die im November 2014 mit Ausnahme eines Fortsetzungsromans fast alle ihrer Comics eingestellt hatte, weil die ja zuviel kosten und ohnehin unwichtig sind. Aber zum „Ereignis“ Charlie Hebdo dann sogar Flix beauftragen, einen Comic zu zeichnen … Gut, genug gemeckert. Jeder Comic ist besser als kein Comic und die Idee zu diesem Anlass die Meinung anderer Comiczeichner einzuholen anstatt nur selbst herumzufaseln finde ich durchaus sehr gut.

*Guter Artikel aus Sicht eines Comic-Zeichners.

**Nachtrag 11.1.: Und prompt gab es in der Nacht zum 11.1. einen Brandanschlag auf ein Archiv der Hamburger Morgenpost, eine Hamburger Zeitung vergleichbar mit dem Express oder der Bildzeitung. Da die Morgenpost nach dem Massaker bei Charlie Hebdo ebenfalls Comics des Magazins auf der Titelseite abdruckte, wird nun spekuliert, ob dort ein Zusammenhang besteht, noch gibt es allerdings keine Erkenntnisse zu den Gründen der Tat.

Bei dem ganzen gehashtagge und solidarischen Blabla könnte man sich aber glatt die Frage stellen:

Was sagt eigentlich Charlie zu der ganzen Sache?

Nun, die verbliebenen … überlebenden Mitglieder der Satirezeitschrift waren von der Solidarität des Internets gar nicht mal so begeistert. Ein Cartoonist, der die Redaktionssitzung ausfallen ließ, sagte in einem Interview: „We vomit on all these people who suddenly say they are our friends.

Trotzig wie man das in der Branche vermutlich sein  muss, werden sie weitermachen. Auch in vielen Comics, die Zeichner rund um die Welt veröffentlichten ist dieser Stolz und die Weigerung nachzugeben zu spüren. Ich habe ja am Anfang des Artikels erwähnt, dass ich eher unberührt geblieben bin. Das hat sich geändert, als ich viele dieser Comics angeschaut habe. Vielleicht habe ich eine etwas längere Leitung oder es lag daran, dass mein Hirn vor lauter Bombardement mit dem gleichen Hashtag erst einmal keinerlei Identifizierung mit mir unbekannten Leichen durchführen wollte. Jedenfalls erspare ich euch die blutigeren Comics. Zur „Trotzigkeit“ von Charlie Hebdo, sei jetzt nur noch gesagt, dass deren aktuelle Startseite folgendes Bild zeigt:

Aktuell zeigt die Seite des Magazins nur diesen Screen. (10.1.2014)

Der Text lautet etwa:

Weil der Stift immer der Barbarei überlegen sein wird…
Weil die Freiheit ein universelles Recht ist…
Weil ihr uns unterstützt…Werden wir, CHARLIE, eure Zeitschrift am nächsten Mittwoch erscheinen!

Titel der Zeitschrift:

Charlie Hebdo – Die Zeitschrift der Überlebenden – Mittwoch 14.1.

(Falls mein Schulfranzösisch da einen Fehler oder eine Missinterpretation eingebaut haben sollte, sagt Bescheid!)

Bin ich nun Charlie oder nicht?

Nun, die Angelegenheit ist komplex – damit kann man sich immer gut rausreden. Ich fühle mich ebenfalls angegriffen, wenn jemand die Meinungsfreiheit irgendwo sabotieren will und auch ich möchte irgendwie verkünden, dass sich diese Meinungsfreiheit nicht unterkriegen lässt. Aber so kämpferisch wie das Charlie Hebdo tut kann ich das glaube ich gar nicht. Deswegen halte ich lieber nur meinen Stift hoch, um zu zeigen, dass ich mit denen fühle, die dafür kämpfen, zeichnen und schreiben zu dürfen, ohne sich dabei einschränken zu müssen. Da die Zeichnungen von Charlie Hebdo oft kontrovers waren, sei noch gesagt, dass Worte und Zeichnungen zwar auch verletzend sein können, doch wie lautet der alte Spruch? „Die Feder ist mächtiger als das Schwert.“ Wäre es da nicht sinnvoller, zu diskutieren oder selbst zu zeichnen, anstatt die Welt gegen sich aufzuhetzen, indem man Menschen tötet?

Zum Abschluss möchte ich noch einmal auf Kurt Tucholskys Antwort auf die Frage „Was darf die Satire?“ hinweisen. Die Antwort: Alles. Die Frage stellt sich nur bei der Definition davon, was als Satire gilt und was nicht.

Ich hoffe ich habe keine wichtigen Punkte vergessen, wobei das bei so einem Thema eigentlich unmöglich ist, weil man immer gleich mehrere Aspekte nicht beleuchten kann, es sei denn man recherchiert ein paar Jahre und schreibt gleich ein Buch darüber. Dann könnte es klappen. In diesem Fall habe ich einfach einen sehr persönlichen Artikel geschrieben, weil mir so vieles gegen den Strich ging. Möchtet ihr auch etwas zum Thema loswerden? Findet ihr meinen Artikel angebracht oder bin ich selbst jemandem auf die Füße getreten oder habe einfach totalen Schwachsinn geschrieben? Was haltet ihr von solch ernsten Themen? Sollte ich das öfter mal machen oder sollte ich mich da lieber raushalten? Warum?

Ich wünsche euch trotz allem einen erholsamen und schönen Sonntag
eure 0utofjoint =)

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12 Kommentare

        1. ^^ Also gerade wenn es so ein ernstes Thema ist und ich so lange an einem Artikel sitze, habe ich am Ende immer ein wenig Angst, dass ich völlig unverständliches Durcheinander fabriziert habe. Von daher war ein „Yay, kann man lesen“ schon inhaltsreich genug. :)

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  1. Als Buddhistin sind mir aggressive Religionen immer suspekt. Nun ist weder das Christentum, noch der Islam aggressiv. Aber Menschen, die einen Schöpfergott vorschieben, dem man gefallen soll. In seinem Namen wird getötet. Kein Gott kann das wollen. Die Welt erzittert vor einem Terror, den sich Menschen ausgedacht haben. Menschen, die wieder andere Menschen in die Irre führten. Mit einer falschen Auslegung des Koran. Es ist erschreckend wohin das führen kann. Erschreckend, was diese Fanatiker der Welt antun, den Menschen. Und das seit vielen hundert Jahren. Und meist sind weltliche Motive der wahre Hintergrund.

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    1. Ich glaube die wenigsten Religionen sind von sich aus aggressiv, wobei der Buddhismus wahrscheinlich im Vergleich nur selten für Kriege als Ausrede verwendet wurde.
      Ja, Fanatismus macht wohl immer blind für das Leid anderer und verhindert genau das, was Religion eigentlich (meiner Meinung nach) tun sollte: Uns zu besseren Menschen machen, die mit sich und anderen im Reinen sind und ihrerseits versuchen die Welt ein Stück besser zu machen.

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