Was wäre wenn … ? Der Zeichner als Gott – Manga Review „Opus“ Band 1

Was wäre … wenn du einen Manga zeichnest? Und was wäre, wenn die Figuren aus deinem Manga plötzlich real wären? Würden sie dich hassen? Dich lieben? Oder dich als ihren Erschaffer und Gott anbeten? Diese Frage stellt ein Klassiker unter den Mangas, der erst vor ein paar Jahren wiederentdeckt wurde: „OPUS“ von Satoshi Kon. Der Name des Mangaka sagt euch etwas? Das könnte daran liegen, dass er ein ziemlich bekannter Drehbuchautor und Regisseur war und unter anderem für Animes verantwortlich war wie Millenium Actress, Perfect Blue, Tokyo Godfathers und Paprika. Wenn ich das richtig sehe, geht es in fast all seinen Werken (vielleicht mit Ausnahme des „Weihnachtsmärchens“ Tokyo Godfathers) um die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Einbildung und Wahrnehmung. Wie ihr euch anhand meiner kurzen Beschreibung schon denken könnt, gilt das auch für Opus.

OPUS Cover Band 1; Satoshi Kon; Carlsen Manga

OPUS Cover Band 1; Satoshi Kon; Carlsen Manga

Der Ausdruck „Opus Magnum“ oder „Magnum Opus“ ist übrigens lateinisch und bedeutet „Das große Werk“. Dieser Begriff steht für das bedeutendste Werk eines Künstlers und wurde in der Alchemie des Mittelalters sogar als Bezeichnung für die Erschaffung des Steins der Weisen verwendet. Also entweder awesome Bücher oder Sachen in Gold umwandeln, beides eigentlich ein ziemlich hoher Anspruch für einen Manga. ^^ In diesem Fall steht es höchstvermutwahrscheinlich für das große schriftstellerische Werk des Mangaka Chikara Nagai. Um diesen geht es nämlich. Er ist ein typischer und vollkommen überarbeiteter Shounen–Serien-Zeichner und hat im Manga „Resonance“ eine dystopische Welt entworfen, in der einige Menschen mit telepathischen Kräften oder anderen Superkräften ausgestattet sind und gegen einen großen Bösewicht mit Maske kämpfen. Dieser hat die Fähigkeit andere Menschen zu manipulieren und sogar ihre Wahrnehmung zu verändern.

Wenn Charaktere nicht mehr mitspielen

Als es im Manga jedoch zum Höhepunkt und somit zum Endboss-Kampf kommen soll, spielt der Hauptcharakter von Nagais Manga plötzlich nicht mehr mit. Rin, ein aufmüpfiger Junge mit noch nicht näher erläuterten Superkräften, hat ja mal überhaupt gar keine Lust in einem bescheuerten Abschlusskampf sein Leben zu geben, um den Bösewicht zu besiegen. Deswegen und weil das Universum seinen lustigen Tag hat, erlangt er ein Bewusstsein und unser Mangaka gerät in Schwierigkeiten. Genauer gesagt, fällt er in Schwierigkeiten, noch genauer gesagt fällt er in seinen eigenen Manga hinein und findet sich plötzlich zwischen all den spannenden Kämpfen wieder, die er selbst gezeichnet hat. Dass die jedoch live und mittendrin nicht mehr ganz so lustig sind, wie auf Papier, merkt er recht schnell. Deswegen versucht er wieder hinaus zu kommen und natürlich Rin zu schnappen, der seinem Schöpfer frecherweise die finale Mangaseite geklaut hat.

Opus stellt dabei die Frage, wie Figuren reagieren würden, wenn ihnen bewusst wird, dass sie nicht real sind und dass ihr Erschaffer vor ihnen steht, dem sie ihr Leben, aber auch alle bisherigen negativen Erlebnisse verdanken. Da der Mangaka selbst für uns auch nur eine Figur in Opus ist, können wir uns also außerdem quasi eine Inception-Stufe höher schrauben und uns fragen, ob er eigentlich auf eine Art realer ist als seine Figuren. Da scheinbar jede der Figuren anders mit der Situation umgeht nur eine Zeichnung zu sein und ganz nebenher auch noch ein Bösewicht hätte besiegt werden sollen, können wir nun hoffen, dass Nagai nicht nur planlos durch seine Welt stolpert, um seine Mangaseite zurück zu bekommen, sondern sich vielleicht sogar auf die Seite einer seiner Figuren schlägt und sie unterstützt. Ob und wie er das überhaupt kann, das wird im ersten Band auch noch nicht geklärt. Alles deutet aber darauf hin, dass ein Zeichner im Manga auch besondere Kräfte haben könnte. ^^ Außerdem muss Nagai natürlich damit zurecht kommen, was er seinen Figuren bisher angetan hat. Schließlich haben doch die meisten (Haupt-)Charaktere in Shounen-Mangas eine schwierige Vergangenheit. Und an dieser ist ja quasi der Zeichner schuld … ich finde die Überlegung auf jeden Fall sehr interessant. :)

Damn, such details!

Man merkt ganz klar, dass dieser Manga schon ein wenig älter ist. Er stammt nämlich aus den Jahren 1995-1996 und wurde erst ein Jahr nach dem Tod Satoshi Kons im Jahr 2010 noch einmal in Japan veröffentlicht, hat schon 2013 einen Preis in Frankreich abgeräumt und kam dann 2015 auch bei uns in Deutschland an. Wir hinken also mal wieder kaum hinterher … Der Zeichenstil ist weit entfernt vom einheitlich glattgebügelten und nur aus dreieckigen Gesichtern bestehenden aktuellen Standardmanga. Er erinnert mich ein wenig an Akira, ich finde Satoshi Kons Zeichenstil aber wesentlich hübscher (weniger stirnlastig o.O) und freue mich über die detailreichen Szenen. (Lustigerweise stelle ich gerade fest, dass Satoshi Kon wohl auch bei Akira mitgeholfen hat. So klein ist die Welt der Mangaka. ^^) Was mich schon ein wenig begeistert hat, war, dass das Cover wirklich eine Szene aus dem Manga ist. Das Bild wurde nicht extra gezeichnet und der Rest des Manga ist viel liebloser gestaltet, nein, es wurden nur der Titel und der Autorenname drübergelegt und die Zeichnung eingefärbt. Für mich persönlich eine angenehme Überraschung, da Cover ja teilweise nur einen der Hauptcharaktere in fancyer zeigen. :) Wer Satoshi Kons Zeichenstil nicht kennt oder einfach in die Story reinschauen möchte, findet hier ein zwölfseitiges Preview – allerdings auf Englisch. Und Achtung: Das Preview beginnt nicht am Anfang der Story, sondern setzt erst auf Seite 50 ein! Den Einstieg des Manga, der darin fehlt, ist übrigens sehr lesenswert, da Satoshi Kon hier „Resonance“, den Manga von Nagai, präsentiert als wäre es der eigentliche Manga und man erst nach ein paar Seiten realisiert, dass dies nur ein Manga im Manga ist. Mangaception und so. ^^

Episch, aber teuer.

Für alle Animefans: Es soll eine Anspielung auf Opus in „Perfect Blue“ geben. Wer also beide Werke kennt, darf nun mal seine grauen Zellen anstrengen, ob ihm oder ihr da etwas aufgefallen ist. Ich habe den Anime leider (noch) nicht gesehen, daher lasse ich euch mal rätseln. ;) Ich werde mir hundertprozentig den zweiten Band kaufen. Die beiden sind allerdings mit je 14,90 € um einiges teurer als der Standardmanga und leider auch nicht soo viel dicker: Band 1 hat ca. 190 Seiten, ein fetter Doppelband BTOOOM! oder Tokyo ESP hat ca. 380 Seiten und kostet „nur“ 14 €. Aber bisher finde ich die Story sehr ansprechend und wenn sie im zweiten Band ein schlüssiges und gutes Ende findet, dann bin ich sogar bereit da zuviel Geld für ausgegeben zu haben. Man muss ja auch mal Pseudo-Klassiker im Regal stehen haben. :D (Und den Verlagen gönnen, dass sie mit bekannten Namen einen größeren Umsatz machen …) Bei einer längeren Serie würde ich mir das aber noch ein paar Mal durch den Kopf gehen lassen. Einmalig 30 € gebe ich noch aus, aber bei fünf Bänden wären das schon 75 € … auch wenn die Story wahrscheinlich wesentlich tiefgründiger werden wird als bei Tokyo ESP oder BTOOOM!, also irgendwann ist dann auch mal Schluss mit meinem Budget. ^^ Der zweite Band soll übrigens Ende April erscheinen, ich habe also noch ein wenig Zeit, um zu sparen – und mich zu ärgern, dass man nie eine Story in einem durchlesen kann … ;)

Seid ihr neugierig geworden und überlegt euch Opus zu kaufen? Oder müsst ihr das vielleicht sogar, weil ihr totaler Satoshi Kon Fan seid? ^^ Habt ihr seine Animes geschaut und wenn ja: Welches ist davon euer Lieblingsanime? :) Mögt ihr generell Geschichten, bei denen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen? Oder nervt es euch eher, wenn Mangazeichner über das Leben als Mangazeichner zeichnen? :D Wo wir gerade bei „Mangaka-Autobiographien“ sind: Ich überlege seit längerem schon, endlich mal „Bakuman“ zu lesen, hatte aber immer so viel anderes auf meiner To-Read-Liste. Würdet ihr mir das empfehlen? :)

Nachtrag (8.5.2015): Hier findet ihr übrigens mein Review zum zweiten Teil von OPUS. Leider hat der Manga meine Erwartungen nicht erfüllt. Deswegen lest vielleicht die ersten spoilerfreien Sätze, bevor ihr losstürzt, um ihn zu kaufen. :D

Einen epischen Start ins Wochenende wünscht euch
eure 0utofjoint =)

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7 Kommentare

    1. Ja, ich hab ehrlich gesagt auch erst gedacht, dass es ein Doppelband wäre. Aber es passte wohl doch nicht alles in ein Buch. Wenn du es ein paar Tage rauszögerst, ist es wohl sogar erst Mai. :P

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  1. Die Idee, Comic-Figuren zum Leben erwachen zu lassen, ist zwar nicht neu, kann aber durchaus witzig sein. Als Kind / Teenager habe ich im TV einen Comic-Film gesehen bei dem genau das passierte. Leider weiß ich den Namen nicht mehr. Aber da ich selbst Texte schreibe, bzw. geschrieben habe, ist mir die Idee vertraut. Wenn ich sage „habe“, ist damit weniger mein Blog gemeint. Danke für den Review und schönes Wochenende dir.

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    1. Das stimmt, es gibt da sicher so einige Bücher und Serien zu. Ich finde die Frage interessant, ob man sich schuldig fühlen würde, wenn man jemandem eine schlimme Vergangenheit verpasst oder diverse andere negative Umstände und derjenige einem dann gegenübersteht.

      Dankeschön, das wünsch ich dir auch! :)

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  2. Sehr schön! Ich bin ein Riesen-Satoshi-Kon-Fan und wusste leider gar nicht, dass Opus jetzt hier veröffentlicht wurde. Von daher MUSS ich den dringend haben XD naja … spätestens zur Buchmesse :D
    Und v.A. die Anspielung auf Perfect Blue suchen …
    Mangaception! Gefällt mir :D

    Bakuman kann ich dir sehr empfehlen. Der Manga zeigt sehr genau die Abläufe der japanischen Mangaindustrie und ist extrem lehrreich und trotzdem lustig und spannend. Eine Mischung die nicht alle Mangaka schaffen. ich dachte vorher schon, dass ich viel über die Mangaindustrie weiß, aber hinterher war ich definitiv schlauer. Da fällt mir aber ein, dass ich den Manga auch nicht ausgelesen habe … mh … da hab ich was zutun.

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    1. Dafür sind Buchmessen ja da, damit man sich kreischend auf ausgelegte Bücher stürzen kann! :D
      Ja, solche Sachen sind echt immer cool. „Na, mal schauen, ob ihr aufgepasst habt, liebe Fans!“ ;)
      Sehr gut, das klingt spannend :) Dann werde ich demnächst wohl mal wirklich intensiv nach dem ersten Band suchen, weil es in den meisten Buchläden in denen ich bisher war höchstens Band 2-X gab, aber nie Band 1. Ich dachte schon das ist ein Zeichen! xD
      Ohja, die Leseliste … gut, dass es dafür keine Begrenzung gibt. ^^

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