Was es bedeutet zu wenig zu haben. Scarcity / Knappheit – Buchrezension

Es gibt nur selten den Fall, dass ich sagen kann: Der erste Satz eines Buchs hat mich überzeugt. Bei „Scarcity“ war es so. Das Sachbuch beginn nämlich mit einer Einleitung der beiden Autoren Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir und der erste Satz lautet:

„We wrote this book because we were too busy not to.“ also „Wir haben dieses Buch geschrieben, weil wir zu beschäftigt waren, das nicht zu tun.“ ^^

Die englische Ausgabe: Scarcity - The true cost of not having enough. Sendhil Mullainathan; Eldar Shafir

Die englische Ausgabe: Scarcity – The true cost of not having enough.
Sendhil Mullainathan; Eldar Shafir

Klingt im ersten Moment widersprüchlich, wird aber im Laufe der Einleitung erklärt. Mich hat der Satz auf jeden Fall direkt angesprochen – vielleicht weil ich mal wieder von A nach B gehetzt bin und mir fünf Minuten in einer Bahnhofsbuchhandlung gegönnt habe. Da fühlt man sich gleich von „too busy“ angesprochen. ;) „Scarcity“ auf Deutsch „Knappheit“ ist ein Sachbuch. Aber kein langweiliges mit Dingen, die man schon 100 Mal gehört hat. Denn die beiden Autoren beschäftigen sich damit, was eigentlich mit unserem Hirn passiert, wenn wir zu wenig haben – damit können sowohl Geld und Zeit als auch Kontakte zu anderen Menschen gemeint sein. Die beiden analysieren also wie sich Armut, Überarbeitung und Einsamkeit auf unsere kognitiven Fähigkeiten auswirken. Da sie die Sache von einem wirtschaftswissenschaftlichen und verhaltensökonomischen Standpunkt aus betrachten, kommen sie ohne komplizierte Namen von Neurotransmittern aus und auch die Finanzbegriffe sind so einfach gehalten, dass das Buch ohne Fachkenntnisse leicht zu verstehen ist.

Da ihr sicher alle keine Zeit habt, fasse ich kurz zusammen, was Knappheit mit uns allen anrichtet: Sie macht uns doof, was wiederum verhindert, dass wir leicht wieder aus Zeitmangel, Schulden oder Einsamkeit heraus kommen. Das ist im Groben wirklich die recht deprimierende Kernaussage.

Erstmal ein bisschen jammern.

Aber wie erkläre ich das genauer? Nun, die beiden gehen davon aus, dass man eine sogenannte „kognitive Bandbreite“ hat, also quasi ein bestimmtes Volumen von Dingen, das man ohne Probleme verarbeiten kann. Und wie bei eurem Internetanschluss: Je mehr Nacktfotos ihr an Bekannte verschickt, Musik ihr herunterladet, Youtube-Schminktutorials ihr guckt, desto langsamer werden die einzelnen Down- und Uploads. Dabei ist es relativ egal, ob ihr hyperintelligent seid und euch ein großes Datenvolumen zur Verfügung steht oder ob ihr eher zu den nicht ganz so einsteinigen Einsteins gehört, denn eure momentane Konzentration und Intelligenz ist einfach nur davon abhängig, wieviel eurer Bandbreite ihr bereits für andere Aufgaben verbraucht.

Konkret heißt das, dass ich zum Beispiel im Moment auf der Arbeit sehr viel zu tun habe, weil (immer noch) permanent Menschen unterwegs sind, um Besprechungen zu haben oder auswärts zu Terminen zu fahren. Manchmal bin auch ich das. Im Moment betreue ich nämlich unsere Newsletter und habe letzte bzw. vorletzte Woche, wo eine Kollegin im Urlaub war, auch noch ihre Newsletter gebastelt, weswegen ich dann ääääh fünf, nee, sieben(?!) Newsletter pro Woche basteln und die Nachrichten für ihr Ressort organisieren durfte. Die braucht man für solche Newsletter schließlich auch. Während mein Hirn dann mit technischen Begriffen und Finanzausdrücken gerungen hat, die es nie zuvor erblicken durfte, warfen mir andere Kollegen auch noch die eine oder andere Aufgabe zu. Dazwischen war ja irgendwo auch noch der bereits x Mal erwähnte Junggesellinnenabschied, für den ich noch etwas nachbereiten muss und dann noch ein Kinobesuch und ääh eine Veranstaltung von der Arbeit aus. Über die sollte ich eigentlich einen Artikel schreiben, bin aber noch nicht dazu gekommen überhaupt anzufangen. Dann wollte ich noch Arzttermine ausmachen, meine Nebenkostenrechnung angucken, meine Steuererklärung machen, mit Freunden und der Familie telefonieren, die man ja auch nicht vernachlässigen soll und schließlich liegen hier noch vier Mangas herum, die ich schon längst rezensieren wollte … *hyperventilier*

Ich bin ein Dial-up-Modem! ;_;

Mittlerweile habt ihr bestimmt wieder vergessen, worum es im Artikel ging, oder? ^^ Das war meine Absicht. Da ich gerade so gestresst bin, fallen mir manchmal die einfachsten Aufgaben schwer und ich vergesse sogar manchmal welchen Tag wir haben – wenn ich mich nicht am jeweiligen Newsletter orientieren kann. Da ich mich eigentlich nicht für doof halte, aber es gestern ums Verrecken nicht geschafft habe, mich auf mehr als richtig einfache Dinge zu konzentrieren, kann ich nur schlussfolgern, dass meine Bandbreite so langsam ausgereizt ist und ich geistig stellenweise quasi mit 56 kbp/s unterwegs bin. 56 kbp/s, ihr erinnert euch vielleicht noch? :D

Diäten in Zeiten der Knappheit

Nun ja, im Buch wird jedenfalls nicht nur das persönliche Stresslevel der Autoren als Maßstab genommen, dort geht es wirklich um Studien. So hat man zum Beispiel Leuten Denkaufgaben gestellt, die sie schlechter gelöst haben, wenn sie gestresst waren oder Geldmangel hatten. Das interessante und gleichzeitig fatale dabei ist, dass man sich durch die mangelnde Bandbreite viel schwerer damit tut, aus einer Armutssituation herauszukommen. Denn einerseits hat man meistens gar nicht den Kopf dafür (passender Ausdruck) über neue Wege nachzudenken und die bisherigen Entscheidungen zu analysieren und andererseits muss man für Sparsamkeit und Neuorganisation von Terminen auch sehr strikt mit sich selbst sein, damit man nicht wieder in das alte Muster zurückfällt, doch wieder zu vielen Terminen zuzusagen oder eine Investition zu machen, die den Sparplan durcheinander wirbelt.

Das gleiche Prinzip findet sich auch bei Diäten. Wer zuviel Stress oder Geldmangel hat (oder wessen Bandbreite sonst irgendwie verbraucht wird), hat weniger Willenskraft übrig, um nein zu Schokolade und anderen Dingen zu sagen, die bei einer Diät eigentlich wegfallen sollten. Denn auch Selbstbeherrschung braucht Bandbreite und Konzentration und das nicht zu knapp. Deswegen scheitern so viele Diäten, wenn die Durchführer der Diät gerade Stress, Geldmangel oder andere Knappheits-Probleme haben. Es fällt einem einfach so viel schwerer sich auf Probleme UND auf das Nichtessen des Schokobrownies in der Küche zu konzentrieren. Da hilft nur keinen Versuchungen im Haus zu haben – aber während des Einkaufs muss man sich dementsprechend auch schon beherrschen. Ihr seht, das Prinzip ist überall gleich aargh.

Ein eeewiger Kreeeiiis … leider.

Das größte Problem sehen Mullainathan und Shafir darin, dass die meisten Menschen, die in so einer Knappheits-Situation landen, aus dieser nur sehr schwer wieder rauskommen. Einerseits weil man dafür wie erwähnt eigentlich auch schon mehr Bandbreite braucht als man in so einer Situation hat. Andererseits haben z.B. viele Leute mit geringen Einkommen nur wenig Spielraum um einen „Puffer“ anzulegen, der im Fall von schlechten Zeiten genutzt werden kann. Nehmen wir an, ihr braucht euer Auto oder euren privaten Laptop zum arbeiten und kommt so einigermaßen über die Runden, sodass ihr am Ende des Monats immer so 50-100 € übrig habt. Und dann nehmen wir an, euer Laptop oder Auto geht kaputt. Ohne könnt ihr nicht arbeiten, also auch kein Geld verdienen, um die Miete zu zahlen. Aber ihr habt eigentlich auch nicht mehrere hundert Euro übrig, um euch etwas neues zu leisten.

Was nun? Wenn ihr keine freundlichen Spender in der Bekannt- oder Verwandtschaft habt, nehmt ihr vermutlich einen Kredit auf, den ihr dann in den nächsten Monaten/Jahren abzahlen müsst, weswegen euer Budget gegen Ende des Monats noch knapper wird. Und das stresst euch dann noch mehr, weswegen ihr auf der Arbeit mehr Fehler macht – weswegen ihr vielleicht nicht mehr so viele Stunden machen dürft, weil ihr vielleicht eurem Chef auf die Nerven geht. Weswegen ihr noch weniger verdient, wodurch … ihr versteht was ich meine? Ein Teufelskreis eben. Abhilfe würde da ein Puffer schaffen, der genau in solchen Fällen, wie bei notwendigen großen Anschaffungen eingesetzt werden kann. Leider muss man diesen Puffer auch erst einmal anlegen und wenn man immer nur ein paar Euro übrig hat, ist das gar nicht so einfach.

Auf Einsamkeit wird nur kurz eingegangen, hier greift aber laut dem Autorenteam das gleiche Prinzip: Man ist so beschäftigt damit, über die eigene Einsamkeit bzw. andere Menschen nachzudenken, dass einem in tatsächlich stattfindenden Gesprächen mit anderen Leuten dann die Bandbreite fehlt und man zu angespannt ist, um diese von sich zu überzeugen. Ein Kreislauf der Einsamkeit also. Damn. :/

Lösung: Wir brauchen mehr!

Ein paar Lösungsansätze nennen die Autoren auch. Wie gesagt, die Hauptempfehlung ist es, sich einen Puffer zu schaffen, der dann zum Einsatz kommt, wenn plötzlich mehr Zeit oder Geld benötigt wird, als eigentlich geplant war. Allerdings muss man hier noch einmal betonen, dass Scarcity das erste Buch überhaupt zu diesem Thema ist, weil vorher wohl noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass wir eine geistige Bandbreite haben und ab und zu zum Dial-up-Modem werden. Da galt eher „Hm, arme Menschen sind scheinbar alle doof. Oh und gestresste Manager treffen furchtbar schlechte Entscheidungen. Joa, dann is‘ das wohl so.“

Es gab zwar ein paar kleinere Studien, wie man zum Beispiel Händlern und in nicht industrialisierten Ländern helfen könnte, nicht in eine Schuldenfalle zu geraten, aber diese sind eben noch nicht so umfassend. Auch verschiedene Programme für arme Menschen aus der US-amerikanischen Bevölkerung wurden unter die Lupe genommen, was ich sehr spannend fand. Denn beispielsweise die Weiterbildungsangebote für Sozialhilfeempfänger sind in den USA besonders schlecht besucht und haben hohe Abbruchraten, weswegen die Programme in der Form, wie sie momentan laufen, kaum jemandem helfen. Aber selbst Kleinigkeiten, wie die wöchentliche Auszahlung des Lohns bei Niedriglohnjobs könnte hilfreich sein.

All diese Studien und Versuche fand ich sehr spannend und ich hoffe, dass in der Richtung noch einiges geforscht wird, damit wir uns und unser Verhalten besser verstehen und das vielleicht im Endeffekt auch im alltäglichen Leben ankommt. Die generelle Idee des Buchs finde ich auf jeden Fall sehr spannend und so fand ich das Buch auch keineswegs öde. Eines ist klar, durch das Buch alleine lernt man schon etwas über sich selbst und das eigene Verhalten. Von daher gibt es von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die von Sachbüchern und stellenweise auch etwas trockenen Studien nicht abgeschreckt werden. Falls ihr Interesse habt, klatsche ich euch einfach mal die Amazon-Links hier hin:

Knappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben (24,99 €)

Scarcity: The True Cost of Not Having Enough (Den englischen Titel finde ich übrigens viel schöner und außerdem ist das englische Original mit 14,99 € ausnahmsweise mal billiger als die deutsche Version. ^^)

Was haltet ihr von dem Thema? Hattet ihr auch schon mal das Gefühl ein Modem zu sein? Oder habt ihr immer DSL 16.000? :D Haltet ihr die Theorie vielleicht sogar für Schwachsinn? War das jetzt eine Offenbarung für euch und wollt ihr sofort das Buch lesen oder euch auf diese Forschungsrichtung spezialisieren? ^^ Kennt ihr noch andere Beispiele, auf die die Scarcity-Theorie auch zutreffen könnte? Lest ihr vielleicht ähnliche Bücher? Ich bin gespannt! :)

Einen wunderbaren Tanz in den Mai, fern von jeder Knappheit, wünscht euch
eure 0utofjoint =)

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8 Kommentare

  1. Huch… ich wundere mich, wieso deine Beiträge nicht mehr in meinem Follow-Reader erscheinen… und jetzt stelle ich fest, dass ich dir gar nicht mehr folge…? oO
    Wordpress macht bei mir in letzter Zeit seltsame Sachen… -.-

    Zum Artikel selbst:
    Ergibt schon Sinn… auch die Beispiele, die du nennst kann ich so bestätigen.

    Hachja… 56k-Modems. Die Erfinder des Dubsteps. Da kommt Nostalgie auf :D

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    1. Ja, ich hab grad die Benachrichtigung bekommen und hab mich auch gewundert :D Ich kann nur oft nich auf Kommentare in der App antworten oder die werden dann doppelt gepostet. Auch schön ^^
      Noch eine Stimme für die Theorie der Herren, sehr gut! :)
      Ja, ich hab mich so gefreut als ich das irgendwann nochmal in einer älteren ???-Folge gehört hab xD

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  2. Ha. Sehr gutes Thema. Mir gehts es exakt so. Ich habe ehrlich das Gefühl ein Modem geworden zu sein im Gegensatz zu früher. Ich habe das bisher tatsächlich einfach ein bisschen auf Zeitknappheit geschoben und darauf, dass man ja zwangsläufig älter wird. Ich habe festgestellt, dass ich nicht mehr so schnell schalte wie früher. Also im Sinne von irgendeinen Kommentar kapieren, der um 5 Ecken gedacht wurde. Früher war ich ein Blitzmerker (jedenfalls öfter als jetzt) – das und auch meine Fähigkeit frei zu sprechen haben gelitten. Weil mir immer irgendwas im Kopf rum geht, was ich nicht vergessen will … von daher finde ich die Theorie sehr interessant.

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    1. Mann, jetzt zeigt mir meine App wieder nicht richtig an, ob ich dir schon geantwortet hatte oder nich. Und ich Modem merke mir das doch nich! :D
      Ich finde die Theorie auch sehr sinnig. Gerade Sachen, für die man sich gedanklich sortieren muss, sind da bestimmt auch von betroffen. Freut mich also wenn du das genauso siehst. Und es ist doch aufbauend, wenn man erfährt, dass mein seine verlorene Bandbreite theoretisch einfach wiederholen kann, indem man alle Arbeit und Sorgen über Bord wirft. Wir sind nicht alt, nur überarbeitet und gestresst! :D Bräuchte man nur noch ne anständige Therapie dafür … ^^

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