Ich mag keine Beerdigungen.

Gut. Wer mag die schon? Ich glaube nicht, dass da sonderlich viele Leute „Hier! Ich!“ schreien würden. Aber von vorne …

Es ist Samstag. Viel zu früh. Das Telefon reißt mich aus dem Schlaf. „Euer Ernst?“ ist das einzige, was ich mir denke, als ich hochschrecke. „Es ist Samstag. Welches Callcenter ruft an einem Samstagmorgen an?“ Desorientiert greife ich nach meinem Handy, um nachzuschauen, wie spät es ist. 6.27h. Kein vernünftiger Callcentermitarbeiter würde einen um diese Uhrzeit aus dem Bett klingeln. Ich blicke zum Festnetztelefon, das sich hinter dem Wäscheständer versteckt und bin noch dabei, einen klaren Gedanken zu fassen, als es wieder aufhört zu klingeln. Ich lasse mich wieder ins Bett fallen. Kein Kreislauf um diese Uhrzeit und nach nur 6h Schlaf. Mir wird übel. Wer würde am Wochenende um diese Uhrzeit anrufen? Das kann eigentlich nur meine Familie sein und es muss wichtig sein. Mein Hirn entnebelt sich so langsam und mir fällt die email meiner Mutter ein. 

„Deine Oma liegt seit gestern im Krankenhaus und es geht ihr sehr schlecht.“

Aber wäre es meine Mutter, dann würde sie sicher auf meinem Handy anrufen … Das Handy klingelt. Ich gehe ran. Es ist meine Mutter. Sie klingt sehr gefasst.

„Tut mir leid, dass ich dich wecke. Ich wollte dir nur sagen, dass die Oma heute Nacht im Krankenhaus gestorben ist.“ 

Wie reagiert man angemessen auf so eine Nachricht? Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal mehr, was ich geantwortet habe, während meine Mutter mir die Details erzählt hat. Die Beerdigung würde jedenfalls im Lauf der nächsten zwei Wochen stattfinden. Sie war heute und währenddessen habe ich mir mehrmals gedacht, dass ich Beerdigungen doch ziemlich bescheiden finde.

Ich mochte meine Oma. Sie war ein sehr lieber Mensch und – wenn das irgendwer entscheiden könnte – hatte es nicht verdient, die letzten Jahre ihres Lebens körperlich sehr angeschlagen in einem Seniorenheim zu verbringen. Allein die Tatsache, dass sie immer mehr ihrer Selbstständigkeit aufgeben musste und im letzten Jahr nicht einmal mehr weiter laufen konnte als bis zur Bank direkt vor der Tür des Altersheims, hat sie psychisch fertig gemacht. Als wir vor einem Jahr einmal allein waren, damals als sie noch kleinere Strecken laufen konnte, hat sie mir folgenden Satz gesagt: „Ich will nicht mehr.“ Es war für mich sehr schlimm, dass ich daran nichts ändern konnte. Ich konnte sie nur mitleidig anschauen und hoffen, dass es nicht schlimmer werden würde oder sie es zumindest nicht so lange ertragen müsste.

Von daher war ich erleichtert, als ich die Nachricht bekam, dass sie gestorben ist. Ich komme mir sehr gefühlskalt vor, wenn ich das so schreibe, aber es fällt mir momentan sehr leicht, sie zwar ein wenig zu vermissen, aber trotzdem froh zu sein, dass sie sich nun nicht mehr quälen muss. Sogar meine Mutter, die sehr an ihrer Mutter hing und sie mehrmals pro Woche im Altenheim besucht hat (nicht wie die weltenbummelnde Enkelin, die nur zweimal pro Jahr dort auftauchte), hat etwas in der Art gesagt, dass es besser für meine Oma war. Trotzdem ist sie über deren Tod natürlich sehr traurig. Was mich wieder zur Beerdigung führt.

Welchen Sinn haben Beerdigungen?

Beerdigungen sind dazu da, damit die Hinterbliebenen einen klaren Schnitt machen und verarbeiten können, dass nun jemand fehlt, der ihnen nahe stand. Beerdigungen bringen der Person die gestorben ist null. Nur um das nochmal klar zu stellen. Scheinbar bin ich jedoch eine seltsame Person, weil ich durch das Geschwafel des durchaus netten Pastors eher aggressiv geworden bin, als mich von meiner Oma verabschieden zu wollen. Meine Oma war katholisch und es war eine christliche Beerdigung. Die einzige Beerdigung, auf der ich bisher war, war eine religionsfreie und die fand ich wesentlich besser.

Mir persönlich sind diese Mitsingrituale und das „einer betet etwas vor und alle antworten einen bestimmten Satz“ zuwider. Einige der älteren Anwesenden waren da wesentlich enthusiastischer als ich, aber ich habe mich innerlich gesträubt irgendeinen „Herrn“ zu bitten, dass er sich doch um meine Oma kümmern möge. Meine Oma konnte bis vor ein paar Jahren alles sehr gut alleine bewerkstelligen, herzlichen Dank! Außerdem war meine Oma toll, also wer sich in seiner Funktion als allmächtiger Kümmerer nicht ohne Bittstellungen diverser Verwandten um sie kümmern würde, wäre ohnehin ein ziemlich zweifelhafter „gütiger Wasauchimmer“.

Ich weiß nicht, ob es psychologisch gesehen sinnvoll ist, den Hinterbliebenen noch sieben Mal ins Gedächtnis zu rufen, dass ihnen jetzt ja jemand zu fehlen hat, aber mich hat es wieder aggressiv gemacht, als der erwähnte Pastor nach einem kurzen Lebenslauf meiner Oma und der Betonung, dass sie ja jetzt bei so vielen anderen tollen Menschen sei, meiner Mutter noch einmal ins Gesicht sagen musste, dass sie ja jetzt Vollwaise sei, da mein Opa schon mehrere Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Irgendwie fand ich das nicht so toll. Vielleicht sehe ich aber auch einfach nur ungern anderen Menschen beim Weinen zu, man weiß es nicht. Es könnte ja sein, dass man durch so eine Konfrontation mit den harten Tatsachen verhindert, dass sich Gefühle aufstauen, weil man die Tatsache, dass jemand gestorben ist, nicht mehr verdrängen kann und es verarbeiten muss.

Ich mag immer noch keine Beerdigungen.

Trotzdem kam ich mir während der ganzen Zeremonie sehr fehl am Platze vor. Gerade deswegen weil alle anderen die Sache vollkommen anders wahrzunehmen schienen. Zwei Tage zuvor war ich mit einer Freundin bei den Stummfilmtagen und wir haben durch Zufall eine Tragödie erwischt, die mit einer Beerdigung endete. Während des Films habe ich mehr geweint als während der Beerdigung, weil ich an die andere Beerdigung denken musste, bei der ich bisher anwesend war und die war damals für mich wesentlich … würdevoller und zugleich wesentlich trauriger. Vielleicht hat meine Wut mich während der aktuelleren Beerdigung aber auch einfach nur vom Traurigsein abgelenkt? Immerhin ist Wut ja auch eine dieser bekannten Trauerphasen, die man durchläuft. Ich weiß es nicht, vermute allerdings, dass es nicht so ist, sondern, dass ich bereits unterbewusst seit längerem mit dem Tod meiner Oma gerechnet habe. Das Alter und so, ihr wisst schon.

Falls ihr eine Meinung zu solchen Veranstaltungen habt, dann würde mich die auf jeden Fall interessieren. Diesen Artikel habe ich mit einigen Tagen Verspätung online gestellt, da ich noch einmal drüberlesen wollte, wenn ich mehr Abstand habe. Ein normaleres Lebensupdate meinerseits folgt dann noch, das wollte ich jetzt nicht hier hereinmischen. Oh, und bitte keine Mitleids- oder Beileidsbekundungen, ich wollte mich nur aufregen und keine Aufmerksamkeits-Dingsis einsammeln. :) Ich hoffe ihr fandet meinen Umgang damit nicht unangemessen oder dass euch das Thema nun zu sehr beschäftigt, aber ich wollte das einfach loswerden.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende!
Eure mittlerweile nicht mehr wütende 0utofjoint =)

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17 Kommentare

  1. Ich denke das Problem mit den meisten Beerdigungenist, dass den Trauernden meist die Möglichkeit genommen wird, auf ihre eigene individuelle Art und Weise zu trauern. Dieser Zwang zu gewissen Programmpunkten und Verhaltensweisen macht da sehr viel an einem sehr wichtigen Prozess kaputt. Von daher kann ich verstehen, wenn du sagst, du magst keine Beerdigungen. Ich auch nicht.

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  2. Niemand mag Beerdigungen. Meine Oma ist auch gerade gestorben und für mich war die religiöse Beerdigung (evangelisch) auch nichts. Ich war letztes Jahr auf einer nicht kirchlichen Trauerfeier und das hat mich viel mehr angesprochen. Es war irgendwie berührender, intellektueller und auch individueller. Da wurde dann auch wirklich Musik gespielt, die die verstorbene Person gemocht hat. Bei der Beerdigung meiner Oma hat mich getröstet, dass sie religiös war und ihr der Gottesdienst so gefallen hätte. So makaber das klingt. Und obwohl dieses Ritual für die Hinterbliebenen ist, ist das doch das Entscheidende: Dass der Abschied zu der verstorbenen Person passt.

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    1. Danke für deinen Kommentar :)
      Da bin ich ganz deiner Meinung. Ich finde die religiöse Standardzeremonie auch sehr unpersönlich. Da bekommt man gleich das Gefühl, dass der Pastor am gleichen Tag noch drei andere Bestattungen veranstaltet. Im Fall von Großeltern ist es vermutlich schon so, dass die noch eher regligiös sind und die Kirchenlieder auch irgendwie passen, aber ich glaube bei jüngeren Personen fände ich das ganz furchtbar. Von daher finde ich den individuellen nichtkirchlichen Abschied auch viel passender.

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      1. Da stimme ich dir zu. Für ältere Menschen ist die kirchliche Zeremonie noch ganz passend. Und auch für Jüngere, die wirklich religiös sind. Wenn dann eine solche Zeremonie veranstaltet wird, ist das ja völlig okay. Muss eben zur jeweiligen Person passen. Für meine eigene Beerdigung z.B. fände ich das aber ganz schrecklich. Ich bin aber eh aus der Kirche ausgetreten, also gibt es darüber auch keine Diskussion.

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            1. Ja, das hab ich mich auch gefragt. Es werden bestimmt gute Dinge davon finanziert, aber für mich stand eher im Vordergrund, dass ich mich mit dem Konzept Kirche irgendwie nicht identifizieren kann und auch keine der Einrichtungen o.ä. besuchen würde. Ich würde mein Kind z. B. auch nicht in einen kirchlichen Kindergarten schicken. Und Gutes tun kann man auch anders; das muss einfach jeder für sich selbst entscheiden, ob er Mitglied sein möchte oder nicht. ;-)

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            2. Ach naja, dann prokrastiniere ruhig noch ein bisschen. So ein dringendes Thema ist es dann ja auch nicht. Du hast bestimmt gerade Wichtigeres zu tun (JAPAN?!?). :-D

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  3. Ja ich weiß … du hast gesagt, du willst das nicht, aber ich möchte dir trotzdem mein Beileid aussprechen. Es tut mir sehr leid, dass deine Oma gestorben ist.
    Leider ist dieses Jahr auch jemand aus meiner Familie gestorben, der mir nahe stand. Und natürlich gab es eine Beisetzung. Obwohl ich gläubige Christin bin, habe ich noch nie eine christliche Beerdigungsszeremonie mitgemacht. Ich denke, dass es stark darauf ankommt, ob man in Religion etwas findet oder ob Glaube einen bewegt. In solchen Fällen kann einen das sehr stützen. Natürlich ist das auch stark abhängig von der Rede des Pastors, der Atmosphäre etc … und naja, welche Rituale einem aufgezwungen werden.

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    1. Ebenfalls mein Beileid für deinen Verlust.
      Ach, siehst du mal, Glaube ist so selten ein Thema, dass ich das gar nicht wusste. :) Das mit der Stütze kann ich mir sehr gut vorstellen, es trifft in meinem zynisch-gepolten Wesen nur leider nicht zu. Und eigentlich auch nicht auf den Rest der Familie. Wie kielerkrimskrams schon sagte, es hängt auch von der Person ab, die bestattet wird und ob die Bestattungszeremonie zu der- oder demjenigen passt.

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  4. Mein Beileid. Mein Opa starb auch vor einer Weile und wurde nach circa zwei Tagen eingeäschert. Meine Mutter wollte unbedingt hin und alles miterleben. Ich hätte das nicht ausgehalten.

    Beerdigungen gehören zum Zirkel des Lebens. Es sind Feste, bei denen die Familie und Freunde zusammen kommen. Es ist auch nicht so nervig wie bei normalen Familienfesten. Nur halt in diesem Kontext trauriger.

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    1. Danke … Naja, es kommt immer darauf an, wie viele Freunde und Angehörige der Verstorbene noch hatte. Im Fall meiner Oma waren es bedrückend wenige … Huh. Bei der Einäscherung dabei zu sein ist glaube ich nochmal was anderes. :/ Aber wenn dir so eine Veranstaltung nichts gibt, musstest du vermutlich auch nicht live dabei sein, oder?

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